Mittwoch, 22. August 2018

Justine privat - Über Heimatliebe

Foto und Bearbeitung von: https://www.facebook.com/astralmattersphotography/
https://www.instagram.com/astralmatters_photography/

Ich hasse meine Heimatstadt. Und ich liebe sie.
Wenn Berlin ein Zirkus ist, ist Rostock die Freakshow. In keiner anderen Stadt habe ich bisher so viele gebrochene Seele, zersplitterte Herzen und verdorbene Hirne kennengelernt. Obwohl Rostock immer größer geworden ist, wird es doch immer kleiner.
Zumindest für mich.
Jeder kennt jeden, selbst die Neuen sind schnell abgestanden und stumpf. Es sind die immer gleichen Clubs, die immer gleichen Bars und die wenigen Restaurants, die nicht nur für Touristen bezahlbar sind. Die Jobs sind schlecht bezahlt, aber man spart sich den Urlaub am Meer.
Ja, das Meer ist schon ein entscheidender Faktor meiner Liebe. Genauso der Hafen. Was kann es Schöneres geben, als mit einem Bier am Hafen zu sitzen und über die Studenten zu meckern die meinen ihre Grillkohle in die Warnow zu schmeißen?
Und trotzdem habe ich mich hier nie zu Hause gefühlt. Es fühlte sich schon immer so an, als wäre ich nur auf der Durchreise. Ein notwendiges Übel. Seit Jahren will ich einfach nur weg. Raus aus meiner Heimat, weg von den immer gleichen Kreisen, die ich ziehe. Aber ich bin noch immer hier. Erst für die Liebe, dann für die Familie - und jetzt?
Jetzt sitze ich in der Warteschleife fest. 

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Ich warte und warte und warte, darauf, dass die Zukunft um die ich kämpfe endlich da ist. Ich komme mir vor wie ein Soldat, der auf den Krieg wartet. Nur ohne Waffen, unschuldige Opfer und stupide Gehorsamkeit. Ich sitze am Hafen, trinke mein Bier, nicke den Menschen zu die ich kenne, aber nicht mag - und warte. 
Ich fühle mich eingeengt. Selbst die Möwen scheinen nur noch über mich zu lachen. Egal, wie ich es drehe und wende, ich muss hier weg. Allerdings scheinen sich meine Wege immer so zu kreuzen, dass ich nicht einfach weg kann. Es fühlt sich an, als hätte jemand einen Anker um meinen Fuß gebunden. Ich bewege mich einfach nicht, obwohl ich mit aller Kraft gegen die Strömung ankämpfe. Etwas zieht mich immer wieder runter, auf den schlammigen Grund meiner Heimatstadt. 
Meine Freunde legen den Kopf schief und verstehen nicht, warum ich es so sehr hasse hier zu sein. Ich trage keine Pullis mit Heimatliebe. Auf Konzerten geht mir der lokal Patriotismus auf den Zeiger. Es ist mir egal, dass Rostock die schönste Stadt in Mecklenburg ist. Ich gehe nicht mehr zum Fußball, nur um mich verbunden zu fühlen. Es interessiert mich nicht, wer in der Szene gerade mit wem zusammen ist. Ich identifiziere mich nicht damit, wenn jemand "Mein Rostock" spielt und wenn ich ein Rostocker trinken soll, springe ich lieber in die dreckige Warnow. 
Ich gehöre hier nicht her. 
Aber ich stecke fest und ich verstehe, wieso man sich in diese Stadt verliebt. Sie wirkt so friedlich, so beruhigend grau und voller liebenswerter Freaks. 
Also starre ich weiter in die Wellen und versuche zu verstehen, warum ich einfach nicht weg kann. Wann wird sich der Anker um meinen Fuß endlich auflösen? Warum kommt immer, wenn ich das Licht auf der anderen Seite stehe etwas dazwischen? 
Ich weiß, dass ich hier nicht glücklich werde. 
Ich weiß, dass ich meine Heimatstadt vermissen werde. 
Ich weiß nicht, was ich tun soll.

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