Mittwoch, 8. August 2018

Justine privat - Die Panik vor der Antwort

Foto und Bearbeitung von: https://www.facebook.com/astralmattersphotography/
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„Was ist denn nur los mit dir?"
Ich blicke von meinem Kaffee auf. Wenn ich ehrlich bin, habe ich seit bestimmt 10 Minuten nicht mehr zugehört. Ertappt lasse ich den Löffel fallen und lehne mich auf meinen Stuhl zurück. Manchmal möchte ich meinem Leben gern in den Arsch treten. 
„Es ist nichts", sage ich ausweichend und versuche ihrem Blick stand zu halten. 
„Dein Ernst? Du hast mir nicht zugehört und siehst aus, als hättest du den Anfang von John Wick gesehen ..."
„Es ist nicht fair, dass der Dackel sterben muss."
„Nein, ist es nicht - also: Was ist los!"
Ich blicke an ihr vorbei. Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz so einfach, denn eigentlich ist NICHTS los. 
„Ich drehe mich noch immer im Kreis, ich warte darauf dass irgendeine verfickte Uni sich endlich meldet - und selbst, wenn sie das tut, darf ich mich nicht freuen. Denn auch dann ist noch nicht sicher wie es weiter geht. Was ist wenn ER keinen Platz an der gleichen Uni bekommt? Oder wenn ich keine Wohnung finde? Wenn ich eigentlich gar nicht an den Arsch von Deutschland ziehen will? Ich hab es einfach nur satt."
Ich sehe sie beim sprechen nicht an, denn ich kann diesen Blick nicht mehr ertragen. Die ständig gleichen Worte, die mir Mut machen sollen, aber kein Stück bei den realen Problemen helfen. Es ist anstrengend in einer Dauerschleife zu leben und immer wieder den Ausstieg zu verpassen. 


„Es wird dich schon eine Uni nehmen, und selbst wenn nicht - dann eben nächstes Jahr."
„Klar, ich habe ja auch ewig Zeit."
„Lass den Kopf nicht hängen, es ist noch genug Zeit und bis zum September wirst du schon etwas finden."
„Ja, etwas - aber nicht das Richtige."
Ich will nicht weiter darüber reden, denn es bringt nichts. Keine nett gemeinten Worte werden mir helfen, mit der aktuellen Situation besser zurecht zukommen. Die Antworten die ich brauche, hat niemand. Die Zukunft die ich mir wünsche liegt noch in weiter ferne. Niemand hat mich davor gewarnt, wie einsam die richtigen Entscheidungen einen machen. 
So allein wie jetzt, habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. 
„So kenne ich dich gar nicht", sagt sie und runzelt besorgt die Stirn. 
„Ich mich auch nicht", antworte ich gedehnt. „Mach dir nichts draus, ich bin aktuell einfach überfordert damit unterfordert zu sein. Es wird einfach Zeit, dass ich wenigstens einen meiner Träume erreiche und nicht ständig Zeit in der Warteschlange vertrödle ..."
„Wie sieht denn dein Notfallplan aus?"
„Es gibt keinen."
„Was?"


„Der Plan war Schriftstellerin zu werden, ich weiß nicht ob es dir aufgefallen ist, aber da bin ich noch nicht sehr weit gekommen. Das hier IST der Notfallplan. Noch einen habe ich nicht."

Sie lehnt sich zurück und betrachtet mich eine ganze Weile. Ich hasse es, wenn Menschen mich so ansehen. Dieser Blick, als könnte ich in meinem Leben nichts anderes tun, als Chancen zu verpassen und mich dann darüber zu beschweren. Es ist schwer, etwas zu finden das man mit seinem Leben anfangen will, wenn man es eigentlich schon weiß. Doch leider ist Realismus Fluch und Segen zugleich. Ich kann immer schreiben, nur bezahlt sich davon nicht meine Miete. 
Und ich kann nicht schreiben, wenn ich nicht etwas Input habe. Reale Geschichten, reale Menschen, das echte Leben mit allem was eben dazu gehört. Ich will schreiben, dass wird sich nicht ändern. Aber ich möchte auch nicht dasitzen und nicht wissen wie ich alle Rechnungen bezahle. Ich will neue Dinge lernen, ich will etwas sinnvolles tun und ich will einfach ...


„Woran denkst du gerade?"
„Daran, was ich alles will und was nicht", sage ich langsam und ringe mir ein Lächeln ab. „Bitte sag mir nicht, dass alles gut wird. Wir wissen Beide, dass es im Leben nicht immer darum geht."
„Hilft es dir, wenn ich sage, dass es viele Tausend Menschen gibt die gerade wie du darauf warten, dass ihr Zukunft endlich anfängt?" Nun muss ich doch grinsen und schüttle den Kopf. „Zu wissen, dass andere diesen inneren Kampf auch führen hilft mir in meinem Krieg nicht weiter."
„Gut, dann wird etwas Schokokuchen wohl als Pflaster dienen müssen ..."
„Pack noch etwas Sahne dazu."
„Aber nur, wenn du aufhörst mich aus diesen großen Babyaugen traurig anzublicken."
„Ich gebe mir Mühe..."

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