Sonntag, 29. Juli 2018

Und er sagte: "Du wolltest es doch!"

Anlässlich der Themen-Tage zu dem neuen Jugendbuch "Du wolltest es doch" aus dem Carlsen Verlag, werde ich nun auf meine persönliche Geschichte zum Thema sexueller Missbrauch eingehen. Sollte dich dieses Thema triggern, klicke den Post bitte weg. 


Drei Mal schon habe ich diesen Post begonnen und wieder gelöscht. 
Ich will nicht auf die Tat eingehen, denn eigentlich ist es egal WIE es passiert ist. Es gibt keine Skala für sexuellen Missbrauch, keine 1 für weniger Schlimm oder 10 für die Haltung als Sexsklavin. Es ist egal wie es passiert, es ist egal was genau passiert ist. Ich möchte nicht die schlimmsten Details aus meiner Erinnerung teilen und damit womöglich zur Wichsvorlage für neue Täter werden. 
Entschuldigt meine heftige Wortwahl, aber an diesem Thema gibt es nichts zu beschönigen. 
Mit wurde Gewalt angetan, mir und noch so vielen anderen Frauen. 

Ich dachte danach, es wäre das schlimmste was mir je passiert ist - doch da hatte ich auch noch keine Ahnung, wie andere Menschen darauf reagieren würden. 
Noch heute fange ich an zu zittern, wenn ich daran denke wie ich mich Wochen danach zum ersten mal getraut habe darüber zu reden. Ich habe mich eine meiner besten Freundinnen anvertraut. Während ich sagte, was passiert war, konnte ich sie nicht ansehen. Ich war ganz ruhig, offenbar zu ruhig, denn alles was sie darauf hin tat war zu sagen: "Naja, ist ja gerade Mode sich als Opfer darzustellen."
Ein Schlag in mein Gesicht. Ich habe es nie wieder vor ihr erwähnt. 
Danach tauchte ER wieder in meinem Leben auf. Ich wurde ihn einfach nicht los. Eines Tages, als ich kurz davor stand Amok zu laufen, weil ich nicht wusste was ich tun sollte, versuchte ich es meiner Mutter zu sagen. Doch ich brachte nicht alle Worte raus, nicht die wichtigen, nicht die die ihr zeigten WIE schlimm es gewesen war. Sie schickte ihn weg, sorgte dafür dass er nie wieder einen Platz in dieser Familie haben würde, doch sie verstand dennoch nicht was mit mir passiert war. Sie tätschelte mein Knie und sagte beruhigend: "So schlimm wars doch gar nicht."
Natürlich konnte sie es in diesem Moment nicht wissen, aber es war so viel schlimmer, als alles was sie sich vorgestellt hatte. 
Ich ging nie zur Polizei, denn ich wusste meine Chancen standen bei 0. Wegen eines Selbstmordversuches ging ich mit meinen zarten 16 Jahren in eine Einrichtung. Auch hier wurde ich bestätigt: "Es ist für das Opfer meist mehr Kraftraubend einen Prozess anzustreben, besonders wenn die Anzeige nicht sofort gemeldet wird."
Mit anderen Worten: Wenn du vergewaltigt wurdest, musst du sofort handeln - oder du musst es vergessen. 
Viele Jahre später, vertraute ich mich meinem Freund an. Er war lieb und fürsorglich, nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten. Doch als es zwischen uns nicht mehr gut lief, der Sex immer weniger wurde und ich einfach nicht WOLLTE, sagte er mit eisiger Stimme: "Das ist kein Grund, um keinen Sex mit mir zu haben."
Er hat es einfach so, in eine Waffe verwandelt. Jedes Mal wenn ich ihm den Sex verweigerte, hatte ich Angst er würde es auf den Missbrauch schieben - oder es sogar aussprechen. 
Es gab so viele kleine, bedrückende Momente wo mir vorgeworfen wurde ich hätte es selbst soweit kommen lassen, ich wäre an allem Schuld und ich sei es doch gewesen, die nie eine Anzeige gemacht hat. Statt wütend auf den Mann zu sein, der etwas schlimmes getan hat, suchten alle die Fehler bei mir. Bis ich irgendwann gar nichts mehr sagte. 
Ich sah IHN noch einmal. 
Er lief mir hinter her und fragte, was zur Hölle mein Problem sei. "Warum machst du so einen Aufstand? Du wolltest es doch auch!"
Nein, ich wollte es nicht. 
Nein, ich habe mich gewehrt. 
Nein, ich bin nicht Schuld daran. 

Wenn Euch jemand etwas antut, dann hört nicht auf all diese Stimmen. Lasst nicht zu, dass die Schuldgefühle die eigentlich ER haben sollte, euch klein machen. Ich weiß, es ist so leicht gesagt - und so verdammt schwer in der Situation. 
Aber es gibt Hilfestellen, Kliniken und Ärzte die wissen wie sie Euch helfen können. Lasst nicht zu, dass Ihr Angst davor habt, darüber zu sprechen. Wir müssen alle gemeinsam stark sein. 

Wichtige Hinweise und Hilfestellungen, findet Ihr hier: 
https://www.hilfetelefon.de/beratung-fuer-frauen.html

Morgen geht es dann mit einem Gewinnspiel weiter ...
Etwas positives zum Abschluss dieses Themas. 

Kommentare:

  1. Liebe Justine,

    vielen Dank für deinen mutigen und offenen Beitrag. Es ist einfach immer wieder unglaublich zu sehen, wie die Gesellschaft bei dem Thema abwinkt und alles als Lapalie darstellt. Wie soll man denn da als Opfer anders reagieren, als sich in sich selbst zurückziehen und ernsthafte psychische Probleme zu entwickeln, wenn man noch als "Mimose" hingestellt wird, die sich anstellt. Unfassbar.

    Deshalb danke ich dir umso mehr, das du Teil dieser Aktion bist, die mir so unendlich wichtig ist, weil man den Leuten einfach mal die Augen auf öffnen muss.

    Liebe Grüße Ina

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    1. Danke liebe Ina! Ich freue mich auch Teil davon sein zu dürfen <3
      Hoffentlich konnten wir ein paar Menschen dazu bewegen, über dieses Thema nachzudenken.

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  2. Ich liebe eure thementage so sehr. Ich bin unendlich froh darüber das es immer mehr Menschen werden die darüber sprechen. Generell. Als betroffene Person darüber zu schreiben muss unglaublich schwer sein, ich hoffe die Last des schweigens ist dir danach von den Schultern gefallen.

    Ich kann nur erahnen was man durchmacht und Bücher darüber zu lesen in die mich unglaublich hineinsteigern kommt schlimmen Gefühlen nah aber richtig nachfühlen kann ich es nicht. Trotzdem ein Satz wir den, dem deine Freundin gesagt hat ist unfassbar grausam.

    Ich hoffe das wir alle irgendwann offener werden und Täter Täter bleiben und nicht zu opfern gemacht werden und das Frauen und Mädchen keine Angst haben müssen sich jemandem anzuvertrauen

    Danke für diesen Beitrag. <3

    Nessi

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    1. Das hoffe ich auch <3
      Lieben Dank für dein Kommentar!

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  3. Hallo Justine,

    auch dir danke ich für deinen offenen & ehrlichen Beitrag. Verdammte scheiße wie herzlos können eigentlich manche Menschen sein. Während des Lesen habe ich eigentlich dauerhaft nur mit dem Kopf geschüttelt und mir genau diese Frage gestellt. Und du hast vollkommen Recht...du bist NICHT Schuld und ich freue mich das du dies anscheinend inzwischen akzeptierst...das hoffe ich doch zumindest.

    Liebe Grüße und weiterhin alles Gute,
    Natascha

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    1. Danke schön - inzwischen denke ich natürlich ganz anders. Ich hätte einfach GLEICH etwas sagen sollen, aber ich war wie blockiert. Es ging einfach nicht. Rückblickend verstehe ich es selbst nicht so genau. Aber ähnlich ergeht es im Buch ja auch Emma.
      Man handelt nicht logisch.

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  4. Ich bewundere wirklich deinen beeindruckenden Mut! Ich kann nur wiederholen, was viele hier schon angesprochen habe. Lass die niemals die Schuld einreden! Glaub an dich und steh hinter dir, egal, was andre sagten!

    Liebe Grüße und alles Liebe!
    Ann-Sophie

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  5. Liebe Justine,

    ... ich bin traurig, traurig über das was du erlebt hast und was daraus resultiert ist. Ich hoffe du findest mal ein verständnisvollen Mann der dich und deine Geschichte wahr nimmt und damit umgehen kann. Es wird nicht leicht, für euch beide nicht. Ich habe aber das Glück so einen Mann an meiner Seite zu haben und das seit 29 Jahren!! Aber wie gesagt, es war nie einfach. Aber man kann's schaffen.

    Manchmal bin ich so froh das unsere Psyche im Stande ist, zu verdrängen. Ich wusste lang nicht was los war, bis es fast eskalierte und ich zur Therapie ging. Ich bin 47 und leide heute noch unter dem physischen und psychischen Missbrauch. Und durch andere Probleme würde es mir letztes Jahr zu viel und mein Körper machte nicht mehr mit, dann Patch die Psyche zusammen und jetzt bin ich seit bald eineinhalb Jahre krankgeschieben.

    Nichts sagen, verdrängen mag im ersten Moment vielleicht ne gute Lösung zu sein, aber sollte der Zustand zulange anhalten, richtet es mehr schaden an an dir selber. Und so spät all das aufzuarbeiten macht's auch nicht leichter.

    Ich wünsch dir von ganzen Herzen alles Liebe und Gute und das du Menschen um dich hast die dich so lieben wie du bist. Die dich unterstützen und nicht niedermachen. Die dir Kraft geben in schwierigen Zeiten und nicht noch weiter runter ziehen.

    Herzlichst
    Alexandra

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  6. Es ist wirklich toll, dass ihr drei über dieses verschwiegene Thema redet und anderen Geborgenheit vermittelt. So verschwiegen wie das Thema ist, redet ihr wirklich sehr offen und ehrlich darüber. Einfach unglaublich, dass alles zu lesen und aufzunehmen. Einen schönen Tag noch.

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