Sonntag, 10. Juni 2018

Justine privat - "War das Leben schon immer so?"


Die Sonne kitzelt in meiner Nase. Ich schließe die Augen und lausche den sanften Klang der Wellen, während Cosma wie ein kleiner Otter ihrem Spielzeug hinterher schwimmt. Ich liebe das Meer. Allein den Anblick sorgt dafür, dass mein Stresslevel sinkt. 
Es ist mitten in der Woche, bereits nach 20 Uhr. Die meisten Touristen haben sich bereits verzogen. Ich setze mich wieder auf mein Handtuch und sehe meine Freundin an. Unsere Themen sind wie immer etwas schwerfällig. Zwei Frauen, die versuchen ihre Träume zu verfolgen und dabei immer wieder an den Rand der Verzweiflung zu geraten. 
"War das Leben schon immer so?", fragt sie mit dem Blick auf meine Hundedame die im Sand buddelt. 
"Wie genau?"
"So ungewiss und irgendwie ..."
"Gemein?"
Sie lacht. 
"Sozusagen. Diese ständige Abhängigkeit von Menschen und Institutionen - nur damit man ein Ziel nach dem anderen abarbeiten kann."
"Der ganz normale Wahnsinn des Lebens."
"Bei anderen sieht es so verdammt leicht aus. Alles was sie anfassen funktioniert einfach."
"Bei der Hälfte von denen sieht es nur so aus. Und die andere Hälfte hat eben Glück."
"Ich will auch Glück haben."
"Wollen wir das nicht alle?"
Wir schweigen einen Moment und werfe das Hundespielzeug wieder ins Wasser, damit ich Cosmas beleidigten Blick nicht länger ertragen muss. Die Sonne ist schon kurz vor dem Untergang. Die Wellen wirken wie flüssiges Gold. Ganz so als würde das Meer uns versprechen, dass die Zukunft rosiger aussieht. 
"Ich hab es so satt", murmle ich mehr zu mir selbst, als zu meiner Freundin. 
"Was genau?"
"Dieses hoffen und bangen. Diese ständigen Gedanken. Nach der Schule, nach dem Abi. Wenn ich erst einen neuen Job habe, oder den Studienplatz oder die Wohnung. Ich habe das Gefühl, dass Glück verschiebt sich immer zu nach hinten und irgendwann habe ich es verpasst."


Sie überlegt kurz und nickt dann langsam, während sie nach einer Zigarette greift. 
"Und alles was man dann an Ratschlägen bekommt sind Floskeln. Dann muss du eben JETZT glücklich sein. Für seine Träume muss man kämpfen ... Bla, bla, bla ..."
"Oder einem wird geraten noch mal in die Vergangenheit zu reisen: Tja, hättest du mal früher dran gedacht. Dann hättest du eben früher damit anfangen müssen. Warum hast du dir kein Geld zurückgelegt?"
Sie kichert. "Genau, hättest Du mal weniger gearbeitet, dann wäre das Leben nicht einfach an dir vorbei gezogen."
"Es nervt. Ich will mein verdammtes Ja für meinen Studienplatz. Ich habe es mir verdient. Aber weißt du was mir Angst macht?"
"Was?"
"Danach geht es weiter. Wo wurde ich angenommen? Finde ich eine Wohnung? Reicht mein Geld? Es geht einfach immer weiter und mit jedem Erfolg wächst auch der Druck."
Cosma trottet mit ihrem Spielzeug zu uns und legt sich tropfend in den Sand. Ihr großen Augen scheinen genau zu verstehen, wie wir uns fühlen. Ich tätschle das nasse Fell und lächle vor mich hin. "Wann ist das Leben nur so geworden?", fragt meine Freundin wieder und wir blicken auf die goldenen Wellen. 

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