Samstag, 12. Mai 2018

Justine privat - Ich glaube, ich bin keine Feministin


Hundedame: unbezahlbar
Schuhe: Ethletic
Rest: Secondhand 

„Ich glaube, ich bin keine Feministin“, sagt sie und sieht dabei aus, als wäre es ihr peinlich. 
„Warum solltest du keine sein?“, frage ich, bemüht nicht in schallendes Gelächter auszubrechen, während ich meinen Hippie-Kräuter-Tee trinke. Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich Gespräche wie dieses geführt habe. Noch vor einigen Jahren, hätte ich wahrscheinlich ganz ähnlich reagiert. 
„Ich weiß nicht“, sagt sie schließlich und sieht mich aus Knopfaugen an. „Ist es nicht etwas hart, sich als Feministin zu bezeichnen?“
„Glaubst du an Gleichberechtigung?“
„Natürlich, aber …“
„Findest du alle Frauen auf der gesamten Welt, verdienen die gleichen Rechte?“
„Ja, aber …“
„Herzlichen Glückwunsch, du bist Feministin. Jetzt kannst du dir natürlich ab sofort das Rasieren sparen und Männer hassen. Oder du bleibst eben wie du bist und kämpft auf deine Art weiter dafür, dass Frauen und Männer gleichberechtigt behandelt werden.“
Gespielt genervt verdreht sie die Augen und pustet in ihren Tee. „Du weißt genau, dass ich es nicht so meine. Es kommt mir nur so vor, als müsste man als Feministin stolz darauf sein eine Frau zu sein und das bin ich nicht.“
Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. „Es ist vollkommen irrelevant, ob du stolz drauf bist eine Frau zu sein. Aber die viel wichtigere Frage ist wohl, warum du glaubst, dass es nötig ist?“
Sie rutscht auf dem Barhocker in meiner Küche herum. „Ich denke, es wirkt einfach so. Mir ist meine Vagina ziemlich egal, sie ist eben da.“
„Du magst deine Vagina nicht?“



„Nein, also doch schon. Sie ist ganz okay. Was ich meine ist, dass ich eben eine Frau bin und mir das nicht ausgesucht habe“, erklärt sie und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ich bin mir fast sicher unter ihrem Make up zu erkennen, wie sie rot wird. 
„Nein, niemand sucht sich aus welches Geschlecht an einem dran hängt. Aber du musst nicht auf deine sekundären Geschlechtsmerkmale stolz sein, um eine Feministin zu sein. Es ist natürlich sehr medienwirksam seine Brüste für den Protest zu zeigen oder Vagina Sticker zu verteilen - aber dass musst DU nicht tun. Wenn es beim Feminismus nur um Stolz ginge, dann wären wir verloren.“
„Und du findest nicht, dass es darum geht? Den Stolz der Männer zu untergraben?“

Nun muss ich wirklich lachen. Das ich dabei meinen Tee verschütte und fast vom Hocker rutsche, ist neben meinen Schnappartungen noch das geringste Problem. Nach dem ich mich unter ihrem peinlich berührten Blick etwas gewunden habe und wieder genug Kraft habe, um zu sprechen, sage ich:
„Feminismus hat herzlich wenig damit zu tun, den Männer irgendwas wegzunehmen. Es ist schon der völlig falsche Ansatz auch nur zu glauben, dass Männern etwas weggenommen werden kann. Wir sind alle Menschen. Egal ob Mann, Frau, Trans oder etwas ganz anderes. Und darum haben wir die gleichen Rechte, Pflichten und Privilegen. In der Theorie mag das teilweise schon ganz gut klappen, die Praxis ist allerdings ein viel größeres Problem. Nur weil wir als Frauen nicht mehr auf der gesamten Welt wie Sklaven behandelt werden, ist der Kampf noch lange nicht vorbei.“
„Siehst du!“, ruft sie aus und verschränkt die Arme vor der Brust. Kein gutes Zeichen um diese Diskussion weiter zu führen. „Du tust als sei jeder Mann ein Feind!“
„Nein, dass mache ich nicht. Ohne Männer, die es genauso sehen, wären wir alle ziemlich verloren.“
„Aber Frauen sind Sklaven, ja?“
„Nein, nicht mehr. Zumindest nicht mehr auf der gesamten Welt. Aber gerade du müsstest doch verstehen, dass es noch immer Länder gibt, in denen Frauen als Gebärmaschine und Haushaltshilfe angesehen werden - und das hat nichts mit Männerhass zu tun, sondern mit Frauenhass.“
„Es gibt immer zwei Seiten. Eine Frau, die sich so behandeln lässt, ist …“
„Es gibt noch immer Länder in denen Frauen gesteinigt werden, dass kannst du jetzt schlecht mit `dann muss sie sich halt wehren` abtun….“
„Nein, aber ich meine hier …“
„… haben wir andere Probleme. Stimmt.“
Sie stöhnt. Leider kein guter Stöhner, bei dem ich weiß, dass ich alles richtig mache. 
„Okay, ich gebe ja gern zu, dass wir global betrachtet noch immer nicht überall gleichberechtigt sind und dass man weiter dafür kämpfen muss, dass Menschenrechte auch für Frauen gelten“, räumt sie zähneknirschend ein und reicht mir ein Küchentuch, damit mein inzwischen kalter Tee nicht den Tisch herunter tropft. „Aber du musst gestehen, dass es wirklich viele Feministinnen gibt, die Frauen empor heben.“
„Dann sei eben keine von denen“, sage ich achselzuckend. 
„Herrgott, nochmal! Du selbstgerechtes kleines Flittchen“, zischt sie und muss sich zusammenreißen um nicht zu grinsen. 
„Du bist eine Feministin, schlucks runter.“
Sie fängt an zu lachen. 


PS: Bevor sich jemand fragt was los ist, meine Hundedame ist wegen der starken Medikamente sehr "aufgeschwämmt". Zum Zeitpunkt des Fotos hatten wir gerade die Dosis erhöht. Also macht Euch keine Gedanken darüber, ob ich ihr Gewicht im Griff habe oder nicht. Im hohen Alter und mit Schmerzen gibt es wichtigeres als die Form. 

Kommentare:

  1. Toller Beitrag! :)

    Ich denke, dass vor allem durch die Medien ein komplett falsches Bild zum Thema Feminismus vermittelt wird. Feministen sind alles Frauen, die sich nackig auf die Straße stellen um für ihre Rechte zu kämpfen und Männern mit Mistgabeln hinterherrennen, weil sie der Meinung sind, Männer sind schei*e.
    Klar, diese Art von Feministinnen gibt es bestimmt aber der Großteil möchte doch nur, dass Frauen und vor allem Mädchen die selben Recht haben, wie alle anderen Menschen auf diesem Planeten auch.
    Im Grund genommen will doch jeder von uns nur glücklich sein und sich von niemandem einschränken lassen, ganz unabhängig vom Geschlecht.
    Feminismus hin oder her - Gleichberechtigung sollte jeder von uns anstreben.

    Liebe Grüße
    Vanessa

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    1. Danke für dein Kommentar!
      Ganz genau: Gleichberechtigung geht uns alle etwas an und jeder kann seinen Beitrag dazu leisten. Dafür muss man niemanden hassen und muss auch nicht seine Brüste zeigen.

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  2. Natürlich geht es beim Feminismus auch darum, Männern etwas wegzunehmen:
    Ungefähr die Hälfte aller richtig gut bezahlten Jobs zum Beispiel. Oder einen Teil der politisch relevanten Positionen.
    Das ist aber auch völlig in Ordnung so. :-)

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    1. Von der Seite kann man es natürlich auch sehen :D Aber ich denke dann immer: Der, der besser geeignet ist bekommt den Job. Leider ist das in der Realität noch nicht so.

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  3. Danke, sehr cool und sehr richtig! Das musste mal so gesagt werden.

    Lieber Gruß,
    Sonja

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  4. Hi!

    Toller Beitrag! Nur leider hätte ich an deiner Stelle wohl nicht gelacht. Ich finde es traurig, dass Feminismus so gleichgesetzt wird mit Männerhass und der Abkehr von allem klassisch "weiblichen". Ich möchte doch einfach gleichberechtigt entscheiden können wie ich leben möchte. Ob ich Kleider oder Hosen trage, bei der Hochzeit meinen Namen behalten oder den meines Mannes annehmen will. Das letzte was ich will ist den einen Zwang und Unterdrückung gegen den anderen Zwang und Ideologie zu tauschen. Warum darf denn nicht jeder einfach eigenständig selbst entscheiden, warum muss es denn immer ein gegeneinander und ein richtig oder falsch geben?
    Traurig, dass auch diese Diskussion häufig wieder so überspitzt geführt und so viel in Extremen gedacht wird.

    Liebe Grüße, Miss Bluejay

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    1. Da stimme ich dir völlig zu! Es ist schon heftig, dass viele Frauen fast schon Angst davor haben, sich als Feministin zu bezeichnen. Ich hab noch ein paar ähnliche Beiträge in Arbeit. Der Ton ist dabei ziemlich ähnlich :/ Als gäbe es nur eine Art den Feminismus zu betreiben. Dabei sollte er uns Frauen doch befreien - nicht einschränken!

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  5. Hallo!
    Ich respektiere das vollkommen, dass du Feministin bist und wie du die Welt siehst, aber ich würde dir auch gern mal die Sicht einer Nicht-Feministin zu genau dieser Unterhaltung nahebringen.
    Die Aussage "Glaubst du an Gleichberechtigung? Herzlichen Glückwunsch, dann bist du Feministin." empfinde ich als sehr aufdringlich. Genauso könntest du fragen "Glaubst du an Gott? Ja? Dann bist du Christ." Das ist natürlich nicht richtig, ich könnte genauso gut Jüdin oder Muslima etc. sein. Sich zu einer Bewegung/politischen Gruppe zugehörig zu fühlen erfordert eben mehr als nur die Gemeinsamkeit einer einzigen Grundansicht und der Feminismus hat in diesem Fall kein Monopol auf Gleichberechtigung. Egalitarismus zum Beispiel ist ebenfalls für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, hat zusätzlich aber eben noch andere, sich vom Feminismus möglicherweise unterscheidende Ansichten und Ziele. Ich persönlich habe das Gefühl, dass Feministen/innen (entschuldige die Generalisierung) immer nur zwei Gründe für die Ablehnung dieses Labels sehen: man hat Angst sich Feminist/in zu nennen oder man ist ein Frauenfeind. Das ist extrem undifferenziert und spiegelt die Wahrheit meines Erachtens nicht wider. Ich bin Sozialforscherin und interessiere mich brennend für solche Themen, habe aber meine persönlichen Gründe mich nicht Feministin zu nennen - zu mindest nicht in der Gesellschaft, in der wir leben. Ich bin vermutlich sowas wie eine Auslands-Feministin :D

    Ich hoffe du nimmst meinen Kommentar nicht persönlich, ich habe wirklich kein Problem mit niemandes Ansichten, ich habe nur oft den Eindruck sofort einen Stempel zu bekommen, wenn ich sage "Ich bin keine Feministin."

    Hab noch einen schönen Tag :)

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    1. Hallo und erstmal danke, für dein Kommentar!
      Ich finde es immer schön ein nettes Kontra zu bekommen. Gerade beim Thema Feminismus sind die Grenzen da natürlich fließend. Wie ja bei den meisten Dingen ins unserer Zeit. Mit gefällt die Wortschöpfung Auslands-Feministin wirklich gut. Ich denke das beschreibt die Sicht von vielen Frauen. Inklusive mir vor einigen Jahren. Für mich sind allerdings alle Frauen, die sich dafür einsetzen, dass wir zu einer Gleichberechtigung gelangen Feministinnen. Immerhin kämpfen alle, mit Abstuffungen und Unterschieden, für zumindest ein gleiches Ziel. Darum muss man natürlich rumlaufen und allen sagen, man sei nun Feministin. Aber sich explizit als "Nicht-Feministin" zu bezeichnen halte ich in so einem Fall auch für nicht richtig.
      Das Thema ist insgesamt so groß und eben auch so persönlich, dass wir wahrscheinlich viel Stoff für eine tolle Diskussion haben!

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