Sonntag, 22. April 2018

Justine privat - „Wie Du bist bi?!“



Die Augen meiner Arbeitskollegin weiten sich, als hätte ich gerade etwas wirklich Schreckliches gesagt. Sie schnappt kurz nach Luft und ein peinliches Schweigen legt sich über das gerade noch angeregte Gespräch, bei dem ich eher zufällig erwähnte, dass ich eben nicht nur Männer liebe. Die männlichen Vertreter grinsen und lachen über die Fassungslosigkeit. Diese Reaktion kenne ich von Männern inzwischen sehr gut. Zunächst scheinen sie immer begeistert zu sein, wenn eine Frau auch in ihrem Revier wildert – in einer Beziehung jedoch gestaltet sich dieser Umstand oftmals als schwierig.

Bisher habe ich meine Bisexualität nie geheim gehalten, für mich ist es schließlich ganz normal. Doch je mehr diese Bewegung polarisiert, desto größer wird auch der Druck in der Öffentlichkeit. Es ist nicht selten, dass man dafür als Frau belächelt und als Mann als Schwuler abgestempelt wird. Irgendwie scheint bi die Menschen zu verwirren.

Es ist nicht das erste Mal, dass auch ich zu spüren bekomme, dass bisexuelle Menschen oftmals ungeliebte Pendler zwischen den Geschlechtern sind. Als Frau in einer Beziehung mit einer anderen Frau wird einem schnell vorgeworfen, es sei Verrat an der Frauenbewegung, wenn man auch Männer liebt. Andersherum sieht es nur auf den ersten Blick besser aus: Als Frau in einer Beziehung mit einem Mann, herrscht oft die Vorstellung, dass sich eine weitere Frau geteilt wird. Dies stimmt jedoch in den wenigsten Fällen, so dass auch das vermeintlich starke Geschlecht schnell zu Eifersuchtsanfällen neigt. Männer die offen dazu stehen, sich auch zu Männern hingezogen zu fühlen, müssen sich oftmals mit Schwulen gleichstellen oder sich vorwerfen lassen, sie würden nicht zu ihrer Sexualität stehen. Gerade Männer die sich in einer Beziehung mit einer Frau befinden, haben es schwer, dieser ihre Liebe zu anderen Männern zu erklären. Bisexuell zu sein ist oftmals alles andere, als ein spaßiges Naschen aus allen Töpfen ...
Es ist schwierig für sich selbst die richtige Balance zu finden und diese dann auch zu vertreten. Obwohl es inzwischen viele Frauen und Männer gibt, die offen zu ihrer Bisexualität stehen, wird das Bild dieser noch immer als Provokation wahrgenommen. Die Medien tun ihr übriges um diesen Eindruck zu verstärken.
Im wahren Leben ist es oftmals schwer den Menschen verständlich zu machen, dass es eben keine kleine Phase ist die man durchlebt, sondern ein Teil des Lebens mit allem was dazu gehört. Meine Familie war ein glänzendes Beispiel dafür, denn sie erklärten mir sehr ausführlich, dass jede Frau diese Phase einmal durchmachen würde und, dass es sich danach wieder legt – natürlich hatte sie Unrecht. Mit der Bisexualität ist es genauso wie mit den Homos oder Heteros. Man sucht es sich nicht aus, sondern man ist es oder eben nicht. Dass der ein oder andere vielleicht eine bisexuelle Erfahrung gemacht hat, ist noch einmal eine andere Sache.
„Aber du hast doch einen Freund!", sagt meine Arbeitskollegin nun und ich nicke. 
„Manchmal habe ich aber auch eine Freundin."
„Und dann machst du für eine Frau Schluss?"
„Nein, nicht zwingend."
Sie sieht ein wenig aus als würde ihr Kopf gleich explodieren. Nahezu verzweifelt versucht sie einzuordnen in welche Schublade sie mich eher stecken möchte. 
„Aber hattest du nicht vorher auch schon einen Freund?", setzt sie noch einmal an. 
„Ja, aber auch Freundinnen ..."
„Heißt das du hast mehrere Beziehungen gleichzeitig?"
„Nein, nicht zwingend."
Als hätte ich ihr den letzten Rest gegeben seufzt sie tief. „Okay, na gut. Du bist also bisexuell. Und wie ist das so?"
Ich muss lachen. „Ziemlich normal."
Trotzdem wird es wohl noch eine Weile dauern, bis man sich nicht mehr dafür rechtfertigen muss, bisexuell zu sein. Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch sich nicht in ein Geschlecht, sondern in einen anderen Menschen verliebt. Warum man sich in jeder auch nur erdenklichen Situation für alles und nichts rechtfertigen soll, werde ich wohl nie verstehen. In diesem Sinne ...
„Peace und freie Liebe …“



Kommentare:

  1. Super geschrieben! Ich hatte als Kind/Teenager nie viel Berührung mit Homo- oder gar Bisexuellen (Dorf/Kleinstadtmilieu), darum konnte ich mir auch nie viel darunter vorstellen. Aber meine jüngere Schwester hat später dann auch mal ein Mädchen (nach einem Jungen) mit heimgebracht und das hat sich dann irgendwie ziemlich normal angefühlt, irgendwie unspektakulär =)
    Love, Héloise
    Et Omnia Vanitas

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    1. Und genauso sollte es eigentlich auch sein! Lieben Dank!

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  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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