Donnerstag, 15. Februar 2018

Gastpost : Anna - Ich würde mich JETZT gegen ein Kind entscheiden


Ich bin keine Mutter. 
Für mich ist es unvorstellbar. Ein Job vor dem ich den tiefsten Respekt empfinde, den ich aber selbst niemals machen könnte. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich gewisse Gefühle und Gedanken nicht verstehen kann. Einige von Euch kennen sicherlich Anne von The Anna Diaries. Die Vollzeit Bloggermama kümmert sich rührend um ihre Krebskranke Tochter Eva. Und genau darum hat sich Anna dazu entschieden heute über ein Thema zu sprechen, bei dem sie wusste, dass viele andere Mütter mit dem Kopf schütteln würde. 
Anna würde sich JETZT gegen ein Kind entscheiden, doch warum erklärt sie Euch selbst ...



Kinder sind ja immer so eine Sache.

Entweder man will sie oder man an will sie nicht. Oder man entscheidet sich für ein Kind, obwohl man nicht weiß, ob man dieser Herausforderung gewachsen ist. 
Kinder sind eben dies: Eine gigantische Herausforderung.
Alle Eltern da draußen, egal ob Wunschkind oder Überraschung, haben eine Verantwortung. Was in Film und Fernsehen immer als absolutes Glück dargestellt wird, ist in der Realität um einiges härter. Liebe ist ein großes und mächtiges Gefühl, aber sie bringt auch unglaublich viele Ängste und Sorgen mit sich. 

Meine Tochter war ein Wunschkind. Wenn auch eine Überraschung, denn im Alter von 23 Jahren fühlte ich mich nicht alt genug, nicht reif genug. Und das war ich auch nicht. Dennoch entschied ich mich bewusst für mein Kind, doch was mich erwarten würde konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.
Heute bin ich 31. Und erwachsener denn je. 

Unser Schicksal ist hart. 

Wir lieben unsere Tochter. Über alles. Wir versuchen ihr jeden Wunsch zu erfüllen.
Aber seit Februar 2017 wissen wir: Unsere Kleine, damals 7 jährige Tochter, wird sterben. Vor uns. Viel zu früh. 
Sie hat einen seltenen, aggressiven Gehirntumor, für den es keine Heilung gibt. Nur eine Lebensverlängerung. Von zwei Jahren im schlechtesten Fall. 
Theoretisch sollte mein kleines Mädchen also im März diesen Jahres sterben. 
Niemand kann einen auf dieses Gefühl vorbereiten.


Allein der Kampf, diese 11 Monate. Sie bedeuten jeden Schmerz, den man sich ausmalen kann. Sie bedeuten ein gebrochenes Herz. Kraft, die man nicht wusste, die man hat. 
Wir kämpfen alle drei und wollen positiv sein. Aber, da wir ja heute bei Justine sind... 
Bin ich mal ehrlicher, als ich es auf meinem Blog sein würde oder kann.

Ich würde nie wieder ein Kind kriegen und könnte ich Zeit ungeschehen machen, würde ich mich gegen ein Kind entscheiden.
Das sind harte Worte. Das weiß ich. 
Sie klingen als würde ich meine Tochter nicht lieben, aber Liebe ist nicht das Problem. 

Natürlich müsste ein zweites Kind nicht zwingend Krebs haben oder einen Tumor bekommen. Aber die Angst sitzt jetzt zu tief. 


Und ja: Gäbe es eine Zeitmaschine... 
Würde ich meinem 22-jährigen Ich alles erzählen. Sie warnen und ihr sagen: 

“Du bist dafür nicht geeignet. Dieser Schmerz bringt dich um.” 

Ich weiß einfach nicht, wie ich diese Situation überleben soll. Jeder Tag ist ein Kampf, jedes Lächeln ist ein Hauch von falscher Hoffnung. Sobald unsere Tochter im Bett ist, heule ich. Jeden Abend. Ich trinke manchmal auch zu viel Alkohol. Nur, damit der Kopf aufhört sich um die immer gleichen Fragen zu drehen. Nicht jeden Tag oder Abend, keine Sorge, aber viel zu oft für meinen Geschmack. 
Ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Wie ich mit diesem Wissen, dass ich mein eigen Fleisch und Blut, dass ich liebe, beerdigen muss. Wenn sie nicht mal selber gelebt hat. Wenn sie immer noch Träume hat, die sie sich erfüllen will, an denen sie arbeiten will.

Sie hat ihr Leben geplant. Einen Traumberuf, Ehemann, Kinder. All das ist in ihrem Kopf verankert. Und mit unwahrscheinlichem Glück bleiben ihr 20 Jahre. Damit wäre sie immer noch jünger als ich jetzt. 
Und ich selber würde noch leben, wenn es passiert.


Das schlimme?
Keiner von uns weiß, wann es passiert. Jede kleine Veränderung macht uns Angst. Übelkeit? Der Herzschlag erhöht sich um 50%. Kopfschmerzen? Ich kriege Panik. Übergeben? Sofort in die Klinik.

Wir machen das nun fast ein Jahr. Mit allen Tiefen und Höhen. 
Drei Wochen konnte meine tapfere Tochter nichts essen wegen der Chemo, Notfall MRT wegen Übelkeit und keinen Erklärungen von Ärzten, weil sie selber nichts über diesen Tumor wissen.

Nein, ich entscheide mich bewusst dazu, kein weiteres Kind mehr zu haben. Egal, wie sehr ich eine große Familie wollte. Es ist eine lähmende Angst vor allem. Auch Intimität. So eine Diagnose verändert das Leben grundlegend. Nichts macht mehr Sinn. Geld, Job, Zukunft sind unwichtig. 
Ich weiß nicht ob mein Kind dieses Jahr übersteht, oder das nächste. Ob sie das Glück hat eine, wenn auch kurze, Zukunft zu haben. Niemand kann uns sagen, ob sie zu diesen magischen 3% gehört. Aber wir müssen es versuchen. 

Wichtig ist das Hier und Jetzt. Jeder Moment. Jede Sekunde die noch bleibt. Egal ob ihr Kinder wollt oder nicht. Lebt jede Sekunde, die ihr habt. 
Das Leben ist ein Arschloch.

Hier findest Du Annas Blog: http://www.the-anna-diaries.de/
Hier kannst Du Anna und Eva via FB begleiten: https://www.facebook.com/TheAnnaDiaries/

Kommentare:

  1. Liebe Anna,

    danke, dass du den Mut hast, diese Gefühle mit uns zu teilen. Ich bin mir sicher, dass es dir nicht leicht gefallen ist diese Worte zu tippen und dass du sicherlich auch Angst hast, wegen deiner Sicht auf die Dinge verurteilt zu werden.
    Du bist eine sehr starke Frau, weil du das Schicksal deiner Tochter mit ihr trägst und versuchst so viel wie möglich aus der Situation heraus zu holen.
    Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm es sein muss, diese Diagnose für sein eigenes Kind zu erhalten und wünsche dir, deiner Tochter und deinem Mann viel Stärke, Unterstützung und hoffentlich noch viel Zeit als Familie!

    Alles Liebe,
    Elena

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    1. Es sieht derzeit wider erwarten sehr gut aus, was ein laaaaanges Leben angeht.
      Wir arbeiten mit mehreren Krankenhäusern und schauen uns verschiedene Studien an, die teilweise sogar eine komplette Heilung versprechen könnten.
      Trotzdem sind diese Gedanken immer mal wieder ein Teil von meinem Leben. Vor allem nachts.
      Aber wir haben im Moment Hoffnung und uns, sowie auch Kind geht es gut <3
      Danke für deine Worte!

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  2. Ich habe einen Kloss im Hals und bin den Tränen nahe. Es schmerzt das ihr das durchmacht, das man keine passenden Worte hat. Und ich kann es verstehen das man kein weiteres Kind möchte. Die Angst, der Schmerz das ist zu viel.
    Ich wünsche euch vom Herzen viele weitere Jahre zusammen. Ich wünsche euch alles Glück der Welt.
    Liebe Grüße
    Julia

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