Freitag, 26. Januar 2018

Justine privat - Mutter(un)glück


„Ich freue mich unglaublich, dass du da bist“, sage ich und schließe die Arme um sie. „Es ist viel zu lange her.“
Sie lacht und drückt mich fest an sich. Seit meiner Zeit in Hamburg ist unser Kontakt nie ganz eingeschlafen - dennoch haben wir uns seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen. „Wird auch wirklich Zeit, dass wir es mal wieder schaffen“, meint sie zwinkernd und lässt sich auf dem Stuhl nieder. Vor Ihr steht bereits ein großer Mandel-Vanilla-Macchiato. Es gibt wenig Menschen wie sie. 
Menschen, bei denen es egal ist, wie lange man sich nicht gesehen hat, man macht einfach genau da weiter, wo man aufgehört hat. 
„Nun los, setz dich und erzähl mir, wie dein Leben dich wieder in den Wahnsinn treibt“, kichert sie und ich folge ihrem Befehl und setze mich vor sie. Das Café ist rappelvoll und von allen Seiten dröhnen Gesprächsfetzen auf mich ein. 
„Um ehrlich zu sein, gibt es im Moment nicht sehr viel zu erzählen.“
„Ach bitte, ich bin treue Blogleserin - ich weiß ALLES!“
Sie lacht und beugt sich leicht nach vorne. Ihr hübsches rundes Gesicht scheint immer zu strahlen und ich bewundere sie dafür, dass sie immer und jederzeit weiß, was sie zu tun und zu sagen hat, ohne dabei ihr Lächeln zu verlieren. Ich wäre gerne wie sie, aber ich bin es nicht. Umso besser, dass ich sie zu meinen Freunden zählen darf. 
„Wenn du schon alles weißt, dann brauche ich dir ja nichts mehr zu erzählen“, gebe ich zurück. „Also sag mir, wie großartig es ist, verheiratet zu sein und ein Kind zu haben.“
Sie lacht wieder. 
„Es ist scheiße - aber das muss ich dir wohl kaum sagen.“
Ich stimme in ihr Lachen ein und schüttle den Kopf. „Nein, ernsthaft. Wie geht es dir?“
„Gut. Die Kleine ist wirklich süß und eine Ausgeburt der Hölle. Dem Mann geht's gut. Er kann mit Dämonen ganz gut umgehen wie du weißt - aber sein Job macht ihn mürbe. Im Moment drehen wir uns etwas im Kreis.“
„Wie meinst du das?“
„Ich meine dass es scheiße ist, erwachsen zu sein und immer älter zu werden.“
„Du bist doch nicht alt!“
„Nein, noch nicht - aber ich werde es langsam und endgültig. Seit die Kleine geboren ist, fühlt es sich an, als hätte jemand die Zeit noch beschleunigt. Zum Glück ist sie aus den Windeln raus, es gibt kaum etwas Widerlicheres …“, wieder kichert sie, doch dieses Mal sieht sie dabei etwas gezwungen aus. 
„Ich würde dir jetzt gerne irgendwas Schlaues sagen, aber bei Kindern schaltet mein Hirn in den „Mimimimi“-Modus“, erkläre ich und rühre in meinem Sojalatte herum. Ich konnte sie mir nie als liebende Mutter und Ehefrau vorstellen - irgendwie schien das nicht zu ihr zu passen. Dennoch hat sie diesen Weg bewusst eingeschlagen. „Bist du glücklich?“ 
„Nein, im Moment eher selten.“
Ich sehe sie überrascht an, doch sie zuckt mit den Schultern und seufzt leise. „Ich wollte nie Mutter sein und manchmal frage ich mich, ob es richtig war, die Kleine zu bekommen. Mir war schon immer klar, dass ich nicht dafür geschaffen binmich den ganzen Tag um jemanden zu kümmern. Aber ich liebe sie und bald ist das Schlimmste hoffentlich geschafft. Sobald sie in den Kindergarten geht, kann ich vielleicht wieder etwas mehr ich sein …“
Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und scheint einen Moment in ihren eigenen Gedanken versunken zu sein. In mir selbst tobt derweilen eine Diskussion, ob ich sie bedauern oder bewundern soll. Meine Gefühle sind so unschlüssig, wohin die Reise gehen soll. 
„Es ist schön, dass ich solche Dinge vor dir aussprechen kann, ohne dass du mich gleich als Hexe auf den Scheiterhaufen zerrst.“
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil alle anderen es tun würden.“
„Ich denke Mutter zu sein, ist der beschissenste und undankbarste Job der Welt.“
„Danke für deinen Aufmunterungsversuch.“
Ich lege den Kopf schief und verziehe die Lippen, weil ich nicht sicher bin, was ich ihr am besten sagen soll. 
„Ich glaube, insgeheim denken viele so - sie haben nur Angst, es würde sie zu schlechten Menschen machen, wenn sie es aussprechen“, denke ich laut und versuche zu ignorieren, wie am Tisch neben uns über den One-Night-Stand der letzten Nacht geredet wird. 
„Ja, vielleicht - oder ich bin wirklich ein schlechter Mensch.“
„Blödsinn, wenn du dein Kind in die Gefriertruhe steckst, weil du nicht damit zurecht kommst, können wir noch mal darüber reden.“
„Dieser Gedanke kam mir auch schon …“, murmelt sie und der Schleier in ihren Augen wird dunkler. „Ich spiele einfach das „Was wäre wenn …“-Spiel. Immer und immer wieder. Ich mochte mein Leben vorher. Ich war glücklich - und nun …“
„Du machst eben gerade eine schwere Zeit durch“, versuche ich es noch einmal. Doch sie winkt lachend ab.
„Nein, eine schwere Zeit ist es, wenn man krank ist oder pleite - oder wenn man du ist.“ 
„Na vielen Dank auch.“
„Ich habe es nicht schwer. Ich habe eine tolle Tochter, einen tollen Mann und eine schöne Wohnung - das Traumleben von ein paar Millionen Anderen. Aber eben nicht meins.“
„Dann machen wir es wieder zu deinem Traumleben“, sage ich ganz ernst und meine das auch so. „Wenn die Kleine in den Kindergarten geht - so wie du gesagt hast. Dein Leben ist doch nicht vorbei, nur weil du Mutter bist.“
„Aber genauso fühlt es sich an.“ 
Beklommen suche ich nach den richtigen Worten. Doch leider bin ich genau die falsche Person für so ein Gespräch. Sie lebt gerade meine persönliche Horrorvorstellung. Ich wollte nie Kinder und ich will sie noch immer nicht, obwohl ich bereits in einem Alter bin, in dem ich mich entscheiden muss. Kinder oder keine Kinder - das ist hier die Frage. 
Für mich eindeutig, für sie war es auch immer so - doch nun hat sie dennoch eins und sie liebt es, aber es macht sie unglücklich. 
„Normalerweise bin ich doch diejenige, die dir erzählt, dass alles wieder gut wird“, meint sie neckend. „Und nun musst du dich mit meinen Ersten-Welt-Problemen herumschlagen.“
„Ich schlage mich nicht herum. Du weißt, dass ich dich verstehe.“
„Ja, das weiß ich. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal neidisch auf dich wäre - aber ich bin es.“
Nun muss ich lachen. 
„Glaub mir, wirklich spaßig ist mein Leben noch immer nicht, aber es wird besser.“
„Genau das ist der Punkt - es wird besser, nicht schlechter.“
„Deins auch nicht - es ist nur eine Phase.“
„Ich wünschte ich könnte dir glauben.“

Wir schweigen. 

Kommentare:

  1. „Ich denke Mutter zu sein, ist der beschissenste und undankbarste Job der Welt.“
    Das trifft es eigentlich ziemlich genau auf den Punkt. Liegt zu einem großen Teil am Erwartungsdruck der Außenwelt. Alles muss immer toll und schön sein, wenn du Kinder hast. Über die vielen Belastungen und die Phasen, in denen man absolut am Ende ist, spricht niemand wirklich. Wird wirklich mal Zeit.

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    1. Danke, dass sehe ich auch so.
      Es ist unglaublich hart. Dazu kommen dann andere Frauen, die einen verurteilen wenn man doch mal sagt, dass gerade alles scheiße ist. Dieses Thema darf nicht verschwiegen werden, ganz im Gegenteil.

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  2. Nun ich bin keine Mutter kann mich dementsprechend nicht hineinversetzen, aber der "Job Mutter zu sein" der ist nicht einfach seh ich genauso. Lieben Gruß

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    1. Ich denke wichtig ist einfach, dass jeder über diese Probleme offen reden kann - ganz ohne Hasswellen die einem entgegen schlagen.

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  3. Ich glaube nicht, dass der Job einer Mutter undankbar ist. Ich kann mich zwar auch nicht in eine Mutter hinein versetzen und werde es nie können, aber ich denke auch, dass es bei deiner Freundin eher eine blöde Phase ist. Und wäre sie nicht zB auch traurig, wenn ihre Mutter sowas über sie erzählen würde bzw. so über Ihr Mutter-Dasein klagen würde? Es gibt immer aufs und abs im Leben.

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    1. Ich denke von einer Phase kann man nicht mehr sprechen, wenn es sich über Jahre zieht. Nach meiner Ansicht, gibt es einfach Frauen und Männer die nicht in die Rolle passen. Das muss nichts schlimmes sein, denn solange man das Kind liebt und es ihm zeigt, macht man mehr richtig als man glaubt.
      Trotzdem ist dieser Druck des "immer glücklich" seins gerade in der Mutterschaft enorm. Man wird schnell ausgegrenzt, wenn man nicht zu 100% in diese Scheinwelt passt oder passen will. Nach meiner Meinung ist das ein gesellschaftliches Thema mit dem wir uns alle mehr beschäftigen müssen. Und besonders: Wir dürfen Frauen und Männer nicht verurteilen, dass sie rückblickend anders entscheiden würden.
      Etwas zu bereuen ist bitter genug, da muss man nicht noch ein schlechtes Gewissen haben.

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  4. Ich verstehe diese Gedanken. Der Druck ist so groß, es gibt so viel Falsch zu machen. Und man verliert sich selbst... Das ist das schlimmste. Ich habe auch oft ein schlechtes gewissen weil ich denke nicht genug mit meinen Kindern zu machen. Ich genieße es halbtags zu arbeiten, weil ich da endlich mal wieder ich sein kann und nicht "Mama" es ist schwer aber es gibt so viele Momente die einen dann sagen "das hat sich gelohnt" :)
    Liebe Grüße und danke für die ehrlichen Worte
    Kati

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    1. Du bist mit diesen Gedanken auf keinen Fall alleine! Ich denke, man würde sich als Mama viel wohler fühlen, wenn alle so offen reden könnten. Man muss nicht immer glücklich sein, man darf Dinge falsch machen.

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  5. Mama sein ist das beste was mir passiert. Herausfordernd und voller Liebe. Nie würde ich das tauschen wollen

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    1. Das freut mich sehr für Dich!
      Nur geht es leider nicht allen Frauen so und auch das müssen wir akzeptieren. Am Besten natürlich, sogar unterstützend zur Seite stehen, statt sie zu verurteilen.

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