Sonntag, 28. Januar 2018

Interview: "NOT FOR SALE" - Von Menschenhandel und Vergewaltigerexport


Es gibt Dinge, über die sprechen wir nicht.
Obwohl uns allen bewusst ist, dass in dieser Welt schreckliche Dinge geschehen, verdrängen wir sie. Natürlich ist dieser Mechanismus wichtig, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen und arbeiten zu gehen, während in anderen Ländern Frauen gesteinigt und auch hier hinter verschlossenen Türen, Kinder zum Verkauf angeboten werden. 
Man sagt immer wieder, ein Einzelner kann nicht die Welt retten. Aber jeder von uns kann sie besser machen. Wir können hinsehen. 
Genau darum geht es bei dem Projekt "Not for Sale". 
Ich bin auf Lena und ihr Projekt via Facebook aufmerksam geworden. Nun möchte ich, dass sie euch selbst berichten kann, wie es zu diesen mutigen Bildern kam.

Unterstütze "Not for Sale" auf FB: https://www.facebook.com/Menschenfotografin2

1. Als ich deine Bilder bei Facebook entdeckt habe war ich verblüfft. Zum Einen weil die Aufnahmen mich emotional angesprochen haben und zum Anderen, weil ich schlicht nicht viel über dieses Thema nachgedacht habe. Wie kam es, dass du dich mit diesem Thema auseinandergesetzt hast?

Das Thema Menschenhandel generell beschäftigt mich seit etwa 14 Jahren. Mit damals 15 Jahren wurde ich über einen Bericht im Wohnungslosenmagazin „Trottwar“ auf den im Nachbarort gelegenen Weltladen aufmerksam und welche Arbeit dort geleistet wird. Mit 16 Jahren (jünger durften Mitarbeiter dort nicht sein) begann ich dann, mich im Bereich Fairtrade zu engagieren. Auch wenn hier der Schwerpunkt auf besseren Arbeitsbedingungen liegt und Menschenhandel meist im Kontext von moderner (Arbeits-)Sklavenhaltung zur Sprache kommt, gab es Projekte, die sich mit dem Menschenhandel in Richtung sexueller Zwangsleistung/bezahlter Vergewaltigung befassten. Sagt dir das Schutzengel-Projekt was? 
Vielleicht hast du schonmal getrocknete Mangostücke gegessen und dich über das geflügelte Symbol auf der Packung gewundert... da gibt es nämlich ein Projekt auf den Philippinen für gerettete gehandelte Kinder, meist aus solchen Sexausbeutungshintergründen. Das haben wir in dem Weltladen, in dem ich gearbeitet habe, gezielt mit beworben. Sowieso wurde in jenem Team sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir über sämtliche Projekte, die durch die Produkte unterstützt werden, gut Bescheid wissen. Dafür bin ich bis heute dankbar, denn das hat die Grundlage für mich gelegt, mich intensiv mit wichtigen Themen rund um den Einfluss unseres eigenen Geldbeutels zu befassen – aber auch mit globalen Zusammenhängen, die man so kaum vermuten mag. Wusstest du etwa, dass unsere hiesigen Agrarsubventionen Lebensmittelexporte zu Dumpingpreisen in u.a. afrikanische Länder zur Folge haben, wo die deutschen Billiglebensmittel die dortigen Preise unterbieten und so dortige Landwirtschaft zerstören? Oder wusstest du, dass unsere Kleiderspenden die afrikanische Textilindustrie auf dem Gewissen haben? Das ist jetzt sehr verkürzt gesagt und ich schweife auch vom eigentlichen Thema ab... daher zurück zum Thema Menschenhandel.
Ich muss zugeben, dass ich das ganze Feld rund um Sexkauf lange nur stark eingegrenzt als schlimm bewertet habe. Zwangsprostitution fand ich schlimm, sexuelle Ausbeutung von Kindern und die bezahlte Vergewaltigung von Kindern und auch natürlich den Handel mit Kindern. 
Inzwischen weiß ich, dass es praktisch keine freiwillige Prostitution gibt – selbst bei einem weitgehend freiwilligen Einstieg erleiden die Prostituierten nämlich Traumatisierungen, die denen von Missbrauchs- und Vergewaltigungsopfern gleichen. Freiwillige Sexarbeit im Bereich von Telefonsex kann gut möglich sein, weshalb ich auch die Verallgemeinerung unter dem Begriff „Sexarbeit“ für sehr gefährlich halte. Da wird sexuelle Gewalt, bezahlte Vergewaltigung mit tatsächlich freiwilliger Arbeit im erotischen Bereich über einen Kamm geschoren – das halte ich für absolut fatal.

Für den fatalsten Begriffsfehler halte ich jedoch das Wort „Sextourismus“, denn das müsste eigentlich „Vergewaltigerexport“ heißen… aber damit bin ich dann eigentlich auch schon beim Projekt selbst.

Hier kommst du zur BONO Direkthilfe: https://www.bono-direkthilfe.org/


2. Wann kamst du zum ersten Mal auf die Idee aus diesem Thema eine Bilderreihe zu machen?


Ich habe meine Fotografie von Anfang an als etwas verstanden, das eine große Macht beinhaltet. Wie heißt es so schön? “Bilder sagen mehr als 1000 Worte,”. Das glaube ich auch und deshalb lege ich großen Wert darauf, was meine Fotos unterstützen – sei es Schönheitsideale oder auch Firmen und Produkte. Gezielt politisch bin ich immer wieder sporadisch aktiv geworden. Allerdings ging ich gerade bei den großen Themen – wozu ich Menschenhandel zähle – davon aus, dass es bereits viele starke Kampagnen gibt und ich als kleine Fotografin mich da eher lächerlich mache, wenn ich so etwas angehe...
Und dann habe ich mich nach Jahren endlich dazu entschieden, meine Indienreisepläne in die Tat umzusetzen. Vor Ort wollte ich u.a. die Produktionsstätte der Fairtradedesignfirma “myomy” besuchen, für die ich 2011 einen Sommer lang gearbeitet habe. 
Doch das war mir nicht genug und so habe ich mich nach spannenden Projekten auf indischem Boden umgesehen. Als dann der Firmenbesuch kurzfristig platzte, wurde es umso akuter...
Dabei wollte ich gezielt indisch geführte Projekte finden, weniger solche extern aufgestülpten Hilfsprojekte, die vor westlicher Arroganz mehr schaden als nützen. Und so habe ich die Bono Direkthilfe gefunden. Nach wenigen Telefonaten war klar: Es gibt gar keine große einheitliche Kampagne gegen Menschen- und Mädchenhandel... und als ich mal die “Mainstreammedien” durchforstet habe, wurde mir auch klar, dass das Thema nicht gerade großgeschrieben wird. In meiner durchaus kritisch denkenden Filterblase, in der ich mich zumindest im Privaten doch oft bewege, war mir das nicht so klar gewesen. Und so war klar: Ich mache Fotos zum Thema. Habe dann mit einer Freundin am Motiv gefeilt – sie als mein Model – und dann stand das Ganze fest.

Lenas Homepage:  www.menschenfotografin.de 
3. „Not for Sale“ ist sehr emotional. Gab es ein Shooting, das dich besonders mitgenommen/gefordert hat?

Mich hat bislang am meisten berührt, wie die Jüngsten, in deren Klasse ich war, um das Projekt vorzustellen – denn am Anfang steht immer das Thema Menschenhandel, erst darauf werden die Mädchen gefragt, ob sie sich für Fotos zur Verfügung stellen (und dann bekommen Sie einen Elternbrief und eine Einverständniserklärung mit nach Hause) sofort geschlossen sagten, dass sie dabei sein mögen... und eine Elfjährige fragte extra nach einer Ausnahmeregelung, da ich eigentlich gesagt hatte, dass ich Mädchen ab 12 Jahren suche. Sie war dann auch beim Fotoshooting ernst und hochkonzentriert und hatte – teilweise entgegen und zur Überraschung mancher anwesender Erwachsener – bereits eine sehr differenzierte Meinung zum Thema. Das hat mich wirklich schwer beeindruckt und auch berührt.

4. Wo findest Du deine Models für diese Bilder? Wie kann man sich als „Model“ für dich bewerben?

Ich bin ganz bewusst an Schulen herangetreten. Auch Jugendgruppen und Vereine mit hoher Mädchenquote im entsprechenden Alter (ca. 12 bis ca. 16 Jahre) wären denkbar. Einzelshootings sind zu aufwendig, außerdem geht es dabei auch um die Bildungsarbeit und die macht eigentlich bloß in solchen Kontexten/Gruppen Sinn.

Es können sich also gern Schulrektor*innen, Lehrer*innen, Schülersprecher*innen, Jugendzentrumsleiter*innen, Jugendgruppenleiter*innen … melden. Örtlich ist  88045 Friedrichshafen machbar, sowie von dort aus betrachtet praktische Zughalte (Überlingen, Salem, Bermatingen, Markdorf, Eriskirch, Langenargen, Kressbronn, Lindau, Bregenz, Biberach, Bad Schussenried, Aulendorf, Ravensburg, Esslingen, Plochingen...) – auch Ulm direkt, Stuttgart direkt, München direkt, Freiburg direkt. 
Da ich kein Budget für das Projekt erhalte, möchte ich eben die Fahrtkosten gering halten. Die genannten Stationen sind per Zugnahverkehr oder Fernbus gut zu erreichen.

Unterstütze "Not for Sale" auf Instagram: https://www.instagram.com/menschenfotografin/

5. Neben der Aufklärung und der Schaffung eines Bewusstseins, was möchtest du mit diesen Bildern noch erreichen?

Ich hoffe ja auf eine Art verstärkte “soziale Kontrolle” in der Haupttätergruppe. Aus der 2016 veröffentlichten Studie “Offenders on the Move” geht hervor, dass es auch eine nicht zu verachtende Gruppe Gelegenheitstäter gibt, also solche, die nicht gezielt als “Sextouristen” irgendwohin reisen, sondern die etwa auf einer Geschäftsreise spontan zum Täter werden, da sich die Gelegenheit zum Sexkauf bietet. Ich denke, hier würden offene Augen anders tickender Mitreisender und eine entsprechende verbale Zurechtweisung “unter Männern” oder unter Kumpels oder Kollegen verdammt viel bewirken.
Und bevor der Vorwurf kommt: Mir ist bewusst, dass es auch Sugarmamas und missbrauchende Frauen gibt. Nur konzentriere ich mich hier erst mal ganz gezielt auf die Mehrheit und die ist einfach allzu deutlich so: Mädchen = Opfer, Männer = Täter. Mädchen sage ich hier bewusst und nicht zur Verniedlichung. Denn gerade unter den Zielen von jenen Männern, die sich das “Recht” zum sexuellen Missbrauch erkaufen, gibt es viele, bei denen die Prostituierten minderjährig sind – leider nicht nur in der Ausnahme. (Wer mehr zu Zahlen rund ums Thema lesen mag, dem lege ich den Artikel “Unsere Sexmigranten” von Fabian Goldmann sehr nahe. https://www.gwi-boell.de/de/2017/06/12/unsere-sexmigranten

6. Du hast schon einige Bilder veröffentlicht, viele Unterstützer gewonnen. Wie sehen deine Pläne noch aus?

Am 12. Oktober findet sozusagen der offizielle Startschuss der öffentlichen Kampagne „not for sale“ statt. Bis dahin sind die Motive gelayoutet und möglichst viele Großplakatflächen für sie finanziert (für die Miete dieser Flächen suche ich übrigens noch Förder*innen und Sponsor*innen). 
Inge Bell (neben anderen beeindruckenden Tätigkeiten, ist sie stellvertretende Vorsitzende von Terre des Femmes) wird zu Gast sein und einen mit Sicherheit spannenden und lehrreichen Vortrag halten... danach gibt’s ein Podiumsgespräch mit der hiesigen Frauenbeauftragten Veronika Wäscher-Göggerle (die mir aktuell bei der Förderersuche hilft und voll und ganz hinter dem Projekt steht, wofür ich sehr dankbar bin) und natürlich werden die Fotos gezeigt.
Das Ganze findet ab 18 Uhr statt und zwar in der Black Box am Fallenbrunnen 3 in Friedrichshafen. Das ist der sog. „ZF Campus“ der Zeppelinuniversität.
Der Eintritt wird frei oder gegen Spende sein, das wird noch entschieden. In jedem Fall verdient niemand was daran – ganz bewusst. 
Das Datum ist übrigens nicht zufällig gewählt: am 18. Oktober ist der jährliche Tag zum Thema Menschenhandel. Da möchten wir dann die Plakatkampagne öffentlich angebracht haben. Das wird am 12. Oktober groß angekündigt in der Hoffnung, dass es auch Nachahmungsgemeinden geben wird... und durch die große Bekanntmachung gibt's hoffentlich ganz viele Handyfotos in den sozialen Medien unter dem Hashtag #notforsale – also von den Plakatmotiven. 

Unterstütze "Not for Sale" auf FB: https://www.facebook.com/Menschenfotografin2

7. Neben dem Teilen, Liken und HINSEHEN, wie kann man dich noch unterstützen?

Wie ich schon erwähnt habe, suche ich aktuell noch Sponsor*innen und Förder*innen für die Miete von Großplakatflächen. Die liegt täglich bei 10-20€ und uns schwebt vor, mindestens zweimal zwanzig Tage lang solche Plakatflächen anzumieten. (Einmal zur Hauptveranstaltungs- und -Tourismuszeit im Sommer und einmal um Weihnachten herum.)

Da ich mit Vereinen zu tun habe, die zwar kein Budget haben, aber hinter der Aktion stehen, wäre es sicherlich auch denkbar, dafür eine Spendenbescheinigung auszustellen. Sonst würde ich ob der Transparenz die Plakatflächenrechnungen weiterleiten, idealerweise wird dann jeweils ein Zeitraum von einem/ Förder*in/Sponsor*in direkt bezahlt.


8. Gibt es etwas, das du meinen Lesern noch sagen möchtest?

Es würde mich freuen, wenn mehr Menschen sich auch unangenehmen Themen stellen und sich dabei auch an der eigenen Nase packen. (Wie ich bei meiner Bewertung von “Sexarbeit”.)


Ich danke dir für deine Zeit und deinen Mut. 
Dieses Thema geht uns alle etwas an und wir müssen aufhören einfach wegzusehen. 

Für alle Leser, die sich noch mehr informieren möchten:



Links: 

Bono Direkthilfe :  https://www.bono-direkthilfe.org/ 
Erwähnte Studie: http://globalstudysectt.org/ 

*Alle Bildrechte liegen bei Lena, ich danke ihr dafür, dass ich die Bilder für diesen Beitrag benutzen durfte!


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