Montag, 15. Januar 2018

Dogtalk: Ich weiß, dass du gehen musst



Manchmal fühlt man sich, als könnte niemand den Schmerz verstehen, den man empfindet. Jeder der mich kennt weiß, dass ich eine Hundemutter mit Haut und (Hunde)Haaren bin. Für meine alte Lady würde ich so ziemlich alles tun. Nachdem es im Sommer, so aussah, als würden ihr nur noch ein paar Wochen bleiben, zerbrach nicht nur meine kleine Welt, sondern auch ein Teil meiner Seele.
Ja, es klingt melodramatisch. Denn genau das ist es.
Meine Hundedame ist für mich ein Teil der Familie, mehr noch: Sie IST meine Familie. 
Während der letzten Jahre gab es nur eine wirkliche Konstante in meinem Leben und das war sie. Natürlich ist weiß jeder Hundebesitzer um die Sterblichkeit seines Vierbeiners. Trotzdem schmerzt es, wenn dieser Verlust immer näher rückt. Während ich mit Cosma im Wald herumlaufe, ihr heiß geliebtes Schweinchen in der Hand, versuche ich mir vorstellen, das es bald keine Spaziergänge mehr geben wird. Nicht mit ihr. Nicht so.
Allein der Gedanke daran sorgt dafür, dass ich weinen muss. Ich kann es nicht verhindern. Die Tränen überkommen mich einfach und fast sofort spüre ich ihre kalte, feuchte Nase an meiner Hand. Wir haben viel zusammen durchgemacht. Wir hätten ein Happy End verdient. Aber selbst das hat irgendwann ein Ende. 
Cosma lief mir im örtlichen Tierheim über den Weg. Obwohl ich es nicht wollte, verliebte ich mich sofort in sie. Die Anfangszeit war nicht so einfach. Sie ist eine sture Prinzessin und ich war überfordert. Dennoch rauften wir uns gut zusammen. Mehrere Umzüge und eine üble Trennung später waren wir mehr als nur Frauchen und Hund. Wir waren zusammen gewachsen, hatten gemeinsam einen herben Verlust überstanden und sogar angefangen im selben Bett zu schlafen.
Wir ließen sogar einen neuen Mann in unser Leben, wenn auch am Anfang ziemlich skeptisch. 
Beide. 


Und dann kam die Diagnose. 

Schon immer hatte meine Hundedame Probleme mit den Ohren, der Haut und dem Darm. Ursache dafür sind Tumore. Darmkrebs ist nicht einfach zu behandeln. Für eine OP ist die alte Lady schlicht zu schwach, ihre Chancen wieder aus der Narkose aufzuwachsen liegen mehr als schlecht. Nach vielen Monaten des Überlegens, Beobachtens und unzählige Überstunden um die Tierarztkosten zumindest halbwegs abzudecken, sitze ich nun hier. 
Im Wald mit meiner Hundedame.
Gegen alle Erwartungen hat sie den Sommer überstanden, sogar Weihnachten. 
Aktuell geht es ihr gut. Die Medikamente helfen bei den Schmerzen, selbst das Übergewicht nach Hüft-OP und Dauerkortison ist einem verträglichen Bereich. Sie hechelt mich fröhlich an, während ich noch immer nahe dran bin in Tränen auszubrechen. 
Wir haben uns gegen eine Chemotherapie entschieden - und das fühlt sich an, als würde ich sie aufgeben. Diese pelzige Dame, die mein Leben jeden Tag so viel schöner macht. 
Ich kraule ihr den Kopf und sage mir selbst, dass es die beste aus den beschissenen Möglichkeiten ist. Aktuell geht es ihr gut.
Eine Chemo könnte, nein würde, genau das wieder ändern. Man muss nicht den "Club der roten Bänder" gesehen haben, um zu wissen, dass es alles andere als einfach ist. 
Es würde nur MIR VIELLEICHT etwas mehr Zeit erkaufen, IHR LEID aber nicht mildern. Vom finanziellen Aspekt her, einmal ganz abgesehen. Würde ich nach meine finanzielle Lage gehen, könnte ich mir weder ihr Allergiefutter noch das wöchentliche Schweinchen leisten. Dennoch mache ich es.
Für sie. Für mich. Für unsere gemeinsame Zeit, egal ob wir nun noch Tage, Wochen oder Monate haben. Ich weiß, dass ich sie gehen lassen muss. Wenn ihre Zeit gekommen ist, werde ich es tun. Aber noch sieht sie mich mit ihren dunklen Augen an, grinst - und wälzt sich dann voller Freunde in Igelkacke.

Kommentare:

  1. Eine Chemotherapie beim Hund ist nicht vergleichbar mit einer Chemo beim Menschen. Beim Hund wird nicht auf Heilung behandelt sondern auf Lebensqualität. Das nur zur Info, weil viele Leute das miteinander vergleichen. Hunde-Chemo ist etwas ganz anderes (ich hab 15 Monate Chemo mit meiner Hündin gemacht).

    Ich weiß, wie es Dir geht und ich wünsche Dir/Euch noch eine wundervolle Zeit miteinander. Genießt jeden einzelnen Moment und wenn die Zeit gekommen ist, wird sie es Dir sagen.

    Sie wird ein Stück Deines Herzens mitnehmen......

    LG Babsi

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    1. Danke Dir!
      Ich habe so lange darüber nachgedacht und es schmerzt unglaublich. Sie wird mir das Herz völlig brechen, aber das ist jede Minute mit ihr wert ...

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  2. Ach verdammt, das tut mir so leid für Dich!
    Unsere Hunde wissen nicht um ihre Sterblichkeit. Ich denke schon, sie spüren, dass da "etwas" auf sie zukommt, aber sie grämen sich nicht deswegen.
    Stattdessen genießen sie, was bleibt ... und wenn es Igelkacke ist ...

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    1. Du sagst es.
      Cosma hasst es zum Tierarzt zu gehen. Ich befürchte für sie würde es sich anfühlen wie eine Bestrafung.
      Also versuche ich so viele Ausflüge wie möglich mit ihr zu machen und dafür zu sorgen, dass ich nur lachen muss wenn sie sich in Igelkacke, Matsch oder sonstigen Kram suhlt :D Wenn es sie glücklich macht, bin ich es auch.

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  3. Du hast dich absolut richtig entschieden!
    Chemo ist kacke. Kenn das selbst. Nicht von mir, aber von meiner Oma.
    Ich war 6 als das anfing und es war der Horror. Sie verlor ihre Haare und konnte manchmal nicht mal mehr richtig stehen. Eines Nachts ist sie einfach gefallen, das habe ich nicht mitbekommen. Morgens als ich aufgestanden bin, wusste ich nicht, was ich tun sollte.
    Wir wohnten alleine und ich war zu klein, zu schwach um ihr wieder aufzuhelfen.
    Sie lag die ganze Nacht dort ohne mich um Hilfe zu bitten.
    Und dann am nächsten Morgen musste ich meine Nachbarn bitten, mir zu helfen. Das war schlimm.
    Egal ob Mensch oder Tier: Ein Verlust ist immer Scheiße und tut weh.
    Ob mit oder ohne Vorbereitung darauf.

    Bleib stark und genieß die schönen Zeiten. Solange sich deine alte Lady noch in Igelkacke wälzt, solltest du das ein bisschen genießen. Drüber schmunzeln. Oder dich ärgern :)

    <3

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    1. Zum Glück sieht die Lady ein, dass sie danach duschen muss :D
      Das hilft mir dabei, es nicht als schlimm zu empfinden. Die Chemo bei Hunden ist nicht ganz so heftig, wie die eines Menschens. Dennoch wird natürlich das Immunsystem angegriffen. Und genau da liegt mein Problem :(
      Vor einigen Wochen konnte Cosma kaum laufen, weil ihre Pfötchen so entzündet waren. Das haben wir aktuell zumindest halbwegs in den Griff bekommen.
      Verluste sind einfach übel - gerade bei so wichtigen Personen im Leben, ob Mensch oder Tier. Fühl dich gedrückt und lieben Dank für deine Worte!

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  4. Hallo Justine,

    das tut mir sehr leid, dass du sowas durchmachen musst.
    Ich wünsche mir, das Scotty irgendwann im hohen Alter einschläft und nicht wieder aufwacht.
    So ganz ohne Schmerzen. Alles andere tut nur noch mehr weh :(

    Ich wünsche dir und deinem Hund alles, alles Gute.

    Liebe Grüße, Anja

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    1. Danke meine Liebe!
      Ich glaube genauso wünschen wir es uns alle ...

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