Freitag, 15. Dezember 2017

Justine privat - Ich will kein schlechter Mensch mehr sein


Es ist einer dieser Tage. Meine Gedanken überschlagen sich und formen unfreundliche Wege, auf denen mein schlechtes Gewissen in ausschweifenden Schlangenlinien laufen kann.
„Findest du nicht, dass du etwas zu hohe Ansprüche an dich selbst hast?“, fragt er und sieht mich von der Seite aus an. Ich mag ihn. Aber wirklich hilfreich ist er in dieser Situation nicht. Es ist für mich immer schwer, anderen zu erklären, wo mein schlechtes Gewissen herkommt. Die meisten Menschen denken nicht halb so viel nach wie ich. Dennoch spüre ich das erwartungsvolle Augenpaar, das noch immer auf mir ruht. 
Ich versuche allerdings nicht auf diesen Blick zu reagieren. „Wenn ich keine Ansprüche an mich selbst stelle, kann ich das wohl kaum von anderen Menschen um mich herum erwarten“, antworte ich etwas grimmig und rutsche auf meinem Stuhl hin und her. Dieses Thema ist mir unangenehm. Nicht, weil ich nicht gerne rede. Das mache ich eigentlich immer. Oft zu laut. 
„Ja, aber du musst dich mit der Tatsache abfinden, dass du nicht die ganze Welt retten kannst. Selbst wenn du es möchtest.“
„Ich habe mir kein Cape umgehängt - ich versuche nur meinen Konsum von Dingen zu reduzieren, die dafür verantwortlich sind, dass andere leiden.“
„Ja, und das ist toll. Aber du setzt dich so sehr unter Druck, dass ich mir Sorgen mache.“
„Mach dir lieber um unseren Planeten sorgen, statt um mich.“
„Mit dem Planeten kann ich aber aktuell nicht reden.“
„Nein, aber ich setzte mich nicht zu sehr unter Druck. Ich bin es nur leid ein schlechter Mensch zu sein.“
„Du bist kein schlechter Mensch.“
„Jetzt gerade vielleicht nicht, aber ich habe eine ganze Reihe von schlimmen Dingen getan. Ich war feige, egoistisch und eine Person um die man besser einen gewaltigen Bogen macht. Aber jetzt bin ich das nicht mehr. Ich bin besser geworden - und ich habe einfach Angst.“


„Aber wovor denn?“
„Na davor, dass es zu spät ist. Nicht für mich, aber für uns alle. Wir tun jeden Tag Dinge, die eine Kettenreaktion auslösen. Alles ist verbunden, alles basiert auf Fehlern, die gemacht wurden. Ich sehe diese endlose Spirale und versuche wirklich etwas dagegen zu tun, aber es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. Nur leider bin ich nicht irre, sondern realistisch“, sage ich und traue mich jetzt doch ihn anzusehen. Zu meiner Überraschung grinst er spitzbübisch. 
Was an meinen Gedanken so lustig ist, verstehe ich allerdings nicht. Meine Generation ist ziemlich am Arsch - aber kaum jemanden scheint das wirklich zu kümmern. 
„Ich habe keine Ahnung wie du früher warst, aber ich mag dein jetziges Ich. Und ich finde du kämpft diesen Kampf fast so tapfer wie Sailor Moon.“
„Ich wäre aber lieber wie Buffy - ich bin so schwach und ich knicke so oft ein. Und das Schlimme ist, dass ich damit nicht alleine bin. Wir Menschen sind so unglaublich dumm und schwach …“
Er schweigt einen Moment und zieht die Augenbrauen hoch, während ich nervös an meinem Nagellack kratze. 
„Wow. Jetzt komm mir nicht damit. Du bist nicht schwach. Bade nicht in deinem Selbstmitleid. Du machst ziemlich viele gute Dinge und das jeden Tag. Meine Güte, du hast selbst mich dazu angestiftet ab und an etwas weniger das Ego-Schwein zu spielen.“
Jetzt muss ich doch grinsen, denn er hat recht. Allerdings kommt mir mein guter Einfluss doch ziemlich lasch vor.  „Danke, das ist wirklich beruhigend.“
„Immer gern. Also - soll ich dir jetzt einen Kaffee mitbringen, oder nicht?“ 
Schmollend verziehe ich das Gesicht. „Ja.“



Kommentare:

  1. Du hast definitiv eine "nicht ganz richtige" Selbstwahrnehmung ;-)

    Lass die Windmühlen. Spar Dir Deine Kräfte für Schlachten, die Du gewinnen kannst und irgendwann fallen die Windmühlen dann ganz von alleine.

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    1. Wenn wir es nicht wagen, Kämpfe zu schlagen die wir nicht gewinnen können, verlieren wir alle. Diese Welt braucht Kämpfer. Einer mag nicht viel ausmachen - viele allerdings schon.

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  2. Ein paar wenige sind wir!!

    Marina

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