Sonntag, 3. Dezember 2017

Ja, meine Freundin hat abgetrieben - und ich wollte das Kind

Dieser Gastpost ist etwas ganz anderes. 
Denn dieses Mal ist es ein Erfahrungsbericht von der anderen Seite. 
Eric* (Der Name wurde auf Wunsch geändert) kam auf mich zu und bat mich, seine Geschichte erzählen zu dürfen. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich lange überlegt habe. Zum einen hatte ich Angst, dass dieser Post in die Richtung „Die böse Frau hat mein Kind umgebracht“ geht. Auf der anderen Seite wollte ich natürlich auch gerne einmal den Blickwinkel des Mannes beleuchten. Doch bevor ich weiter große Reden schwinge, lass ich einfach Eric zu Wort kommen:



Meine Freundin stand weinend vor mir. 
In ihrer Hand hielt sie den Schwangerschaftstest. Das Plus schien mir regelrecht entgegen zu leuchten. An dieser Stelle muss ich mir wohl eingestehen: ICH WAR SCHULD. 
Wir waren gerade um die 2 Monate zusammen - und eigentlich taten wir nichts anderes als übereinander herzufallen. Bisher war also nicht von Familienplanung zu reden. Trotzdem hatte ich mich recht schnell geweigert Kondome zu benutzten. 
Ich mag die Dinger einfach nicht und in den letzten 26 Jahren war ich in jeder längeren Beziehung mit Pille und „Ich zieh ihn vorher raus“ gut klar gekommen. Doch in diesem Moment war mir bewusst, dass ich es war der ihr eingeredet hatte, dass nichts passieren konnte. 
Trotzdem es völlig ungeplant und schlecht in meinen Zeitplan passte, war mir schon jetzt klar, dass ich gerne Vater werden würde. 
Meine Freundin sah das ganz anders. Ich habe wirklich versucht sie nicht zu bedrängen und ihr nicht zu sagen was sie tun soll, dennoch durfte ich zum Arzttermin nicht mitkommen. Sie wollte es nicht. Vielleicht hatte sie Angst, dass ich dem Arzt sagen würde, dass ich das Kind wollte. Ich weiß es nicht und es ist auch egal.
Sie war in der fünften Woche. 
Als sie zu mir kam, gab sie mir das Ultraschallbild und ich spürte sofort, dass diese kleine Wesen ein Teil von mir war. Von uns Beiden. 
Aber sie konnte diese Gefühle nicht verstehen. Für sie war es eine einzige Horrorshow. Tagelang weinte sie, übergab sich und sagte immer wieder wie dumm sie war. Dabei war ich ja eigentlich der Schuldige. 
Wir diskutierten viel.
Ich sagte ihr all die Dinge von denen ich dachte, dass Frauen sie in solchen Situationen hören sollten:

Ich werde dich mit dem Kind nicht alleine lassen. 
Ich stehe zu dir, egal wie du dich entscheidest.
Ich werde dich nicht verurteilen. 
Trotzdem schien sie sich allein von der Tatsache, dass ich das Kind gerne bekommen hätte, angegriffen zu fühlen. Nach einem gigantischen Streit durfte ich zumindest mit zum Konfliktgespräch gehen. Die Beraterin dort schien überrascht zu sein, dass ein Mann sich klar dafür ausspricht das Kind zu bekommen. Es im Notfall sogar alleine aufzuziehen. Sie schien nicht zu wissen, wem von uns sie zusprechen sollte. 
Das machte aber auch keinen Unterschied. 
Meine Freundin wollte das Kind nicht. 
Der Termin für die Abtreibung kam näher. 
Die Spannung zwischen uns war heftig. Vielleicht sogar das Schlimmste an der ganzen Sache. In meinem Kopf spielte ich immer wieder alles durch, doch am Ende musste ich einsehen: 
Es ist ihr Körper. Ich konnte und wollte gar nicht von ihr verlangen, ein Kind auszutragen, was sie nicht haben wollte. 
Wenn ich es getan hätte, hätte ich meinem Kind erklären müssen, dass ich seine Mutter gezwungen habe es zu bekommen. Daraus konnte nichts gutes werden. 

Ich hielt während der Abtreibung ihre Hand. Sie war früh genug dran. Zwei Pillen und drei lange Stunden beim Arzt und es war geschafft. 
Wir waren beide völlig fertig. 
Ihr ging es danach wesentlich besser. Sie war erleichtert. Ich war traurig. 

Man kann sich wohl gut vorstellen, dass unsere Beziehung nicht mehr lange hielt. Es war einfach zu viel. Nach diesem Erlebnis wusste ich, dass ich eine Familie wollte und ihr war klar, dass sie es nicht wollte. 

Wir trennten uns im Guten. Sind immer noch befreundet. 
Manchmal packt mich die Erinnerung und ich rufe sie an, nur damit ich mit jemanden über diese Sache reden kann. Es ist seltsam um etwas zu trauern, was nie wirklich am Leben war. 
Abtreibungen sind nicht nur für die Frau eine harte Erfahrung. 
Wir Männer stehen dem Ganzen mehr oder weniger hilflos gegenüber. Wir wissen nicht was wir sagen sollen und egal ob wir pro oder contra eingestellt sind, scheint es falsch zu sein. Inzwischen bin ich froh, dass wir dieses Kind nicht bekommen haben. 
Ich bin durch diese Sache erwachsen geworden, auch wenn es seltsam klingt.

Ich selbst werde wohl nie verstehen, wie man es als Frau aushält eine Abtreibung machen zu lassen. Das muss ich aber auch nicht. Es ist nicht meine Entscheidung. Es ist ihre. Die Natur wird schon wissen, warum es nicht die Männer sind, die Kinder austragen. 


Ich bin stolz darauf, dass meine Freundin den Mut hatte sich so zu entscheiden. Denn wenn ich jetzt zurückblicke, war es richtig. 

Kommentare:

  1. Wow, was für ein ehrlicher Erfahrungsbericht. Ich finde es super, wie er damit umgeht. Danke für's Teilen.

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    1. Ich fand es auch schön, dass er sich getraut hat.

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  2. soo schön geschrieben :) Ich bewundere den Mut darüber öffentlich zu reden und auch mal die andere Seite zu zeigen.

    Ich glaube die Frage, ob man eine Familie gründen möchte und wie man sich das gemeinsame Leben vorstellt (auch wenn es ungeplant kommt), stellt man immer viel zu spät. Nachdem ich mit meinem Ex total in die Scheiße gegriffen habe – einen größere Idioten gab es nicht – schwor ich mir solche Dinge sofort beim ersten Date zu klären. So hätte ich mir knapp 4 Monate höllenqualen, Heulkrämpfe und Psycho-Probleme sparen können.

    Danke für den tollen Text!
    Liebe Grüße > sara

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    1. Danke für dein Kommentar! Ich glaube wir Menschen neigen dazu, solche Themen einfach zu verdrängen. Das dies nicht die Lösung ist, wissen wir ja eigentlich ...

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