Sonntag, 26. November 2017

Ja, ich habe abgetrieben - Eine Bloggerin erzählt ihre Geschichte

Es ist schon etwas her, dass ich meinen eigenen Post zum Thema Abtreibung veröffentlicht habe. Wie viele Leser bereits aus den Facebook Kommentaren wissen, war das Ganze eigentlich als "Blogger-Parade" gedacht. 
Ganz in dem Sinne, Frauen in dieser Situation zu helfen und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Viele Bloggerinnen wollten oder konnten jedoch nicht den Weg über ihren eigenen Blog gehen. 
Eine von ihnen ist Ina. 
Ich bin ehrlich: Ihr Gast-Post hat mich zu Tränen gerührt ... 


In Liebe deine Mama
Nach all den Jahren stehe ich nun hier und fühle mich genauso machtlos. Ich spüre wie meine Beine versagen und ich habe keine Chance stehen zu bleiben. Ich spüre wie schwere Tränen zu Boden fallen. Ich gebe mich dem hin und lass den Schmerz passieren. Ich knie hier an deinem Grab und hoffe, auch du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich kann es nun und hoffe es geht dir gut mein kleiner Engel. In Liebe deine Mama.

Ein paar Tage überfällig
Ein ganz normaler Sommertag sollte mein Leben von Grund auf verändern. Natürlich wusste ich noch nichts davon, ich hatte nur so eine Ahnung. Meine Brüste taten mir weh und nach meiner Berechnung war ich seit zwei Wochen überfällig und meine Laune schwankte mehr als so manches Boot bei starkem Seegang.
Nur wenige Stunden später hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in meiner Hand. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder mich freuen sollte. Ich war mit meinem Freund erst knapp über ein Jahr zusammen und ich wusste nicht, ob ich dafür überhaupt schon bereit bin. Wie sollte ich meinem Partner diese Nachricht überhaupt überbringen? Zusätzlich war ich auch erst seit  knapp über einem Jahr bei meinem Arbeitgeber. Die Gedanken überrollten mich und ich begann zu weinen.

Es wird sich eine Lösung finden

Eine Weile später fuhr ich zu meinem Freund, ich musste ihm Bescheid sagen, dass ich schwanger bin und sich alles ändern wird. Wie sagt man so etwas? Wie wird er reagieren? Ist er denn dafür überhaupt bereit? Sind WIR es denn? Nach dem er die Tür öffnete polterte es direkt aus mir heraus: "Ich bin schwanger, was machen wir denn jetzt"
Tatsächlich beruhigte er mich sofort. Es wird sich eine Lösung finden und wir bekommen das schon hin. Das war der Moment, in dem sich Freude breit machte. Wärme füllte mein Herz und ich war erleichtert. Auf einmal verließen mich all meine Ängste und in meinem Kopf war noch Platz für unser Baby.

Mit dem Fötus stimmt etwas nicht

Endlich kam er, der Tag der ersten Vorsorgeuntersuchung. Freudestrahlend marschierte ich in die Praxis und das erste Mal in meinem Leben konnte ich es kaum erwarten, auf "diesen" Stuhl zu steigen. Die Untersuchung begann und nur ein Blick schaffte es, dass meine Freude in bittere Angst umschlug. Ich fühlte mich noch nie so nackt in meinem Leben. Ausgeliefert. Hilflos. Machtlos. Dann traf mich dieser eine Satz, "mit dem Fötus stimmt etwas nicht, ich überweise Sie an einen Spezialisten". Die nächsten Minuten war ich unfähig gegen meine Tränen anzukämpfen und ich verließ schluchzend die Praxis mit einer Überweisung zur Feindiagnostik.

Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1: 140.000

Nur wenige Tage später, saß ich im nächsten Wartezimmer. Füllte Zettel aus und versuchte ruhig zu bleiben. Immerhin musste es ja eine Chance für mein Kind geben. Die Medizin ist doch schon so weit heutzutage. Was auch immer er mir sagen wird, unser Kleines wird es bestimmt schaffen.
Ich befand mich in einem dunklen Raum, keine Fenster. Eine Liege und viele Monitore. Ich spürte das kalte Gel auf meinem Bauch und die Aufregung fuhr mir durch alle Glieder. Ich blickte aufmerksam auf die Monitore und hörte ihm aufmerksam zu. 
" Sehen Sie, dass ist ein Steißbeinteratom. Es verläuft am unteren Rücken. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind ein Solches bekommt,  liegt bei 1: 140.000. Die Entwicklung muss beobachtet werden.  Viele Teratome füllen sich im Laufe der Schwangerschaft nur mit Wasser und sind sehr gut operabel. Gegeben falls entwickeln sie sich, wie ein "weiteres Organ" - mit Blutgefäßen und eigener Versorgung. "

Selbstverständlich meldete sich in mir sofort der Optimist "Operabel", das macht Hoffnung - wir werden es schaffen.

Ein Tor in eine andere Welt

Wenige Wochen später, erwartete mich die nächste Feindiagnostik. Die Tage waren geprägt von Schlaflosigkeit. Die Unsicherheiten konnte ich einfach nicht verdrängen und jeden Tag musste ich aufs Neue überstehen. Ich wollte nun endlich hören, dass alles gut wird.
Da war es wieder dieses kalte Gel - was mir ein Tor in eine andere Welt öffnen soll. In die Welt meines Kindes , wo es geschützt liegen soll. In Sicherheit. Dann erblickte ich ES, diese große kräftige stark pumpende Ader.  Es durchlief das Teratom meines Kindes. Eine Entwicklung die ich nicht erwartet hätte,  in meiner Naivität. Die Worte des Arztes erreichten mich kaum, ich konnte nicht aufhören dieser Ader bei der Arbeit zuzuschauen.

Wieder kaltes Gel

Er hat mir geraten, einen weiteren Spezialisten aufzusuchen. Es handelte sich hierbei um drei Personen - einen Feindiagnostiker, eine Kinderchirurgin, eine Kinderärztin. Es sollte die Möglichkeit besprochen, in wieweit dieses Tumorartige Ding von meinem Baby entfernt werden kann.
Wieder kaltes Gel -  in eine nun scheinbar dunkle Welt. Dann erblickte ich mein kleines Mädchen. Arme, Beine und ein kleines niedliches Gesicht. Sie war heute sehr aktiv und schien sich wohl mit allen Mitteln gegen Ihren "bösen Zwilling" zu wehren.
"Sehen Sie das? Das Teratom verdrängt die Organe Ihres Kindes. Es hat sich zu schnell entwickelt. der Rücken ist zu weit offen und wahrscheinlich wird Ihr Kind die Geburt nicht überleben. Zusätzlich wäre Ihre Tochter niemals zu einem eigenständigen Leben fähig."

Ihre mitleidigen Blicke brannten sich in meine Haut

Alle drei redeten mit mir, sprachen Empfehlungen aus und Ihre mitleidigen Blicke brannten sich in meine Haut. Ich hörte Sie reden. An der einen oder anderen Stelle habe ich mechanisch genickt, um Ihnen zu zeigen, dass ich noch im Raum war.
Für mehr war ich nicht im Stande. Ich spürte nur die kalten Tränen in meinem Gesicht, die unaufhörlich krachend zu Boden gingen. Mein Herz schlug so laut, dass ich mir sicher war, dass sie das hören müssten. Ob mein Mädchen Angst hatte, ob Sie wusste, welche Entscheidung ich nun treffen sollte? Wozu die Ärzte mich anhielten?
Stunden später lag ich auf der Couch. Ich spürte Ihre Tritte und sollte darüber entscheiden, ob sie leben durfte. Ich musste diese Entscheidung treffen? Warum ? Warum tut das nicht die Natur? Warum hilft mir denn niemand. Ich will nicht darüber entscheiden.  Ich will es nicht. Ich kann es nicht.

Spätabbruch

Es mussten erst ein paar Tage verstreichen, bevor ich in der Klinik anrief und ich aussprechen konnte, dass ich bereit dazu war. Zu einem Spätabbruch. Eine normale Entbindung stand uns bevor. Mir und meinem Kind.
Nicht wesentlich später waren wir im Krankenhaus. Viele Formulare später bekam ich ein Medikament, "dieses Mittel löst künstliche Wehen aus, in ein paar Stunden geht es dann los“. Eine Schwester brachte uns in ein Einzelzimmer. Da standen wir nun und blickten uns verängstigt an. Als wenn wir beide nicht wüssten, ob das alles richtig ist und waren keineswegs dazu in der Lage es auszusprechen.
Es waren nicht die Wehen Mittel die mich um den Verstand brachten
Die nächsten Stunden waren die reinste Folter. Als wollte mich mein Körper dafür bestrafen, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Es waren nicht die Wehen Mittel die mich um den Verstand brachten. Mein Körper wehrte sich mit allen Mitteln gegen dieses Gift in meinen Adern.
Es waren die schier unendlichen Minuten die ich auf einem Schieber verbringen musste und das Erbrochene was meinen Körper zum Zusammenbruch zwang. Was sagte die Schwester, in wenigen Stunden geht es los? Seit 24 Stunden lag ich nun schon in den künstlich eingeleiteten Wehen und wusste nicht, ob ich auch nur eine weitere Minute überstehen würde.
Ich weinte und schrie
Weitere 24 Stunden später platzte die Fruchtblase und mich verließ ein Schrei, der mir so viel Angst einflößte, dass ich Ihn erst Jahre später als meinen eigenen akzeptieren konnte. Ich weinte und schrie und die blanke Panik erfüllte meinen Geist. Dann war sie da, einen kurzen Moment konnte ich Sie erblicken und dann verließ die Schwester mit meinem Baby den Raum.
Ich hatte das Gefühl in Ohnmacht zu fallen, als würde ich mich von der Welt lösen und schwebte in das Universum. Das Knie meines Arztes  in meinem Unterleib, konnte mich von diesem Gefühl nicht lösen. Auch nicht das Blut welches unaufhörlich aus meinem Körper floss. Ich wartete auf das Ende und schloss meine Augen. Für diesen Moment war es mir egal, was um mich passierte.
Dunkel
Dann war ich im OP und hörte nur wie jemand sagte, " Bitte atmen Sie tief ein, gleich  ist es geschafft“. Was geschafft ? Wieso sollte ich atmen? Ich war für all das nicht bereit. Ich wollte jetzt nur noch allein sein. Stattdessen war ich umgeben von all diesen Menschen, die mich erwartungsvoll anguckten. Dunkel.
In einem sauberen Bett wurde ich wach. Ich wollte nur eins - Meine Tochter sehen. Sie wie andere Mütter im Arm  halten und ihr fernab von deren Realität Lebewohl sagen. Es dauerte nicht lange und eine Schwester brachte Sie. Sie lag in einem Körbchen, gebettet auf einem weichen Handtuch. Ihr Teratom war bereits größer als ihr Kopf, Ich habe also die richtige Entscheidung getroffen. Denn sie lag jetzt hier in meinem Arm - ganz friedlich, ohne Schmerzen und war an einem besseren Ort.

Ein Ort der mein Leben für immer verändert hat

Ich sollte noch in der Klinik bleiben. Ich konnte nicht. Ich musste gehen und zwar sofort. Dieser Ort sollte hinter mir bleiben. Noch einmal würde ich zur Sammelbestattung hierher kommen und dann werde ich diesen Ort nie wieder betreten. Ein Ort der mein Leben für immer verändert hat. Mein Denken, mein Handeln, mein Fühlen.
Fünf Jahre später. Ich schaue in den Spiegel und spüre wie meine Hände zittern. Was genau passiert gerade? Ich fühle mich doch gut. Ich führe immerhin ein glückliches Leben und bin gesund. Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich sie.

Mein Mädchen in meinem Armen, dann ein markerschütternder Schrei. Der Moment war gekommen, mein Geist war bereit für den Schmerz.

Er überrollte mich inmitten der Berliner S-Bahn. Die Tränen liefen unaufhörlich über mein Gesicht. Ein tiefes Schluchzen durchbricht die Stille und ich versuche mich aller Kraft zu beruhigen und wenige Minuten später bin ich dennoch auf Arbeit. Dann wieder ein Zittern. Fünf Minuten später habe ich meinen neuen Partner am Telefon: "Liebling, ich muss zum Friedhof. Sofort. Es wird Zeit all das zu verarbeiten. Ich bin so weit.“

Ich wollte für mein Kind keinen langen qualvollen Tod
Wie ich zu dem Entschluss kam,  mein Kind zu töten?
Ich spürte, dass Sie sich quälen würden. Das die nächsten Wochen in meinem Bauch für dieses kleine Geschöpf ein Kampf bedeuten würde, dass Sie sterben würde. Ich wusste nicht, ob Sie die Geburt übersteht. Auch nicht ob Sie danach ein Leben führen könnte. Aber genau das tut man als liebende Mutter, man trifft auch Entscheidungen für sein Kind. 
Ich wollte für mein Kind keinen langen qualvollen Tod oder qualvolle weitere Wochen. 
Es ist nie leichtfertig gewählt
Es ist schrecklich, dass es so viele Menschen gibt, die vermeintlich wissen was das Richtige wäre. Wie man zu handeln hat. An alle diese Personen, ihr wisst garnichts! Woher nehmt ihr euch überhaupt ein Recht, darüber zu urteilen? Über einen Menschen in solch schwierigen Stunden ? Wie dankbar wäre ich gewesen, unmittelbar auf Unterstützung zu treffen und nicht auf Binsenweisheiten, die andere in der "Wendy" (beispielhaft) gelesen haben.

Ich habe viele Jahre gebraucht, um vor anderen hinter meiner Entscheidung zu stehen. Dumm, wie ich heute weiß. Sicherlich fällt es mir noch schwer darüber zu reden, aber das ist der Schmerz der mich davon abhält. Ich wünsche allen Frauen Kraft, die solch eine Entscheidung für sich treffen müssen. Es ist nie leichtfertig gewählt (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sei es nun aufgrund von Krankheit oder anderer Lebensumstände, niemand darf darüber richten. Schon gar nicht im heutigen Jahrhundert. 

Diesen Beitrag widme ich meiner Tochter Ann-Kathrin und allen Sternenkindern und selbstverständlich allen Frauen, die sich in diesen schweren Stunden befinden oder befunden haben. 

Ich hatte den Mut zum Abbruch, die schwersten Stunden meines Lebens. 

Ich danke Ina für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit. 
Ein weiterer Post zum Thema wird bald folgen. 
Inas Facebook Seite findet Ihr hier: https://www.facebook.com/freshFoodandOutdoor/

Kommentare:

  1. Eine sehr traurige Geschichte...😢 Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich es sein muss, so eine Entscheidung treffen zu müssen und dann auch noch bei einem Spätabbruch auf natürliche Weise gebären zu müssen. Es tut mir sooo leid für sie. Von Außen betrachtet; war es trotzdem wohl die "richtige" Entscheidung für das kleine Wesen...

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    1. Lieben Dank für deine Antwort!
      Ich denke so liebe Worte helfen zumindest ein kleines bisschen.

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  2. Ich kann ihre Empfindungen sehr gut nachvollziehen.

    Meine Mutter musste vor etwas 15 Jahren ähnliches durchmachen. Sie hatte einen Spätabbruch im sechsten Monat. Es gab dafür mehrere Gründe: Das Kind hätte am Downsyndrom gelitten (was noch vertretbar gewesen wäre), hatte aber zudem einen offenen Bauch, sodass alle Organe raus hingen. Das Kind hätte immer wieder Operationen über sich ergehen lassen und lebenslang ein Korsett tragen müssen. Es wäre ein Pflegefall gewesen.

    Für meine Mutter war es die schlimmste Erfahrung, als sie die "Giftspritze" bekam und die Kindesbewegung augenblicklich nicht mehr zu spüren war. Es hat sie noch Jahre später beschäftigt, vorallem der Geburtstag war für sie immer ein schwarzer Tag.

    Bei der Beerdigung war sie nicht dabei. Ich denke, das war auch ein Grund dafür, dass sie so lange daran zu knabbern hatte - weil sie nie wirklich Abschied nehmen konnte.

    Liebst,
    Mary

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  3. Dieser Bericht trieb mir wirklich die Tränen in die Augen, es ist unvorstellbar, was Ina durchgemacht hat - niemand sollte so etwas erleben müssen. Ich wünsche ihr für die kommende Zeit viel Kraft und natürlich, dass sie ihre Trauer bewältigen kann.

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    1. Sie ist eine unglaublich starke Frau und ich bin sehr dankbar, dass sie diese Geschichte mit uns geteilt hat.

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  4. Wir hatten innerhalb der Familie einen Fall, wo es in meinen Augen besser gewesen wäre, einen Spätabbruch durchzuführen, doch ich könnte mir als Außenstehende niemals erlauben, eine solche Meinung offen zu äußern, so lange ich selbst nicht in einer solchen Situation stecke.

    Ich kann es verstehen, wenn man seinem Kind kein Leid zufügen möchte und finde deine Entscheidung überaus mutig!
    Als Mutter sollte man auf sein Gefühl hören, denn was für ein Leben würde man einem Kind geben, wenn es bedeutet, keine eigenen Entscheidungen zu treffen, nicht fähig zu sein, sich selbstständig zu bewegen oder an Reizüberflutung zu leiden, weil das Gehirn die ganzen Eindrücke gar nicht verarbeiten kann ...

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    1. Sehe ich ähnlich. Man sollte auf sein Bauchgefühl hören - niemand kann eine zu 100% richtige Entscheidung treffen.

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  5. Leider werden die Eltern oft zu einem Spätabbruch gedrängt (wie ich es in meiner eigenen Familie erlebt habe), dabei lässt sich die Geburt eines schwer kranken Kind und sein Tod meist besser verkraften, wenn er von selbst geschieht und nicht herbei geführt wird. Immer wieder irren sich auch die Ärzte bei pränatalen Diagnosen. Um über die Möglichkeit des "Weitertragen" zu informieren habe ich dazu vor kurzem eine Miniserie auf meinem Blog gestartet.

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    1. Ich finde es immer schwierig zu beurteilen.
      Zum einen hast Du sicherlich Recht - Ärzte irren sich. Aber ich denke, dass viele Mütter doch besser damit zurecht kommen einen Spätabbruch durchzuführen als ihr Kind noch eine ganze Weile leiden zu sehen. So oder so, muss jeder für sich selbst entscheiden wie er mit einer solchen Situation umgeht. Ich finde es gut, dass du informieren willst. Aus diesem Grund habe ich ja ebenfalls die "Ja, ich habe abgetrieben" Reihe ins Leben gerufen.

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  6. Ich schreibe mal als Mann dazu. Wir hatten einen Jungen bekommen, ein Jahr später war meine Frau schon wieder schwanger. Ein Mädchen! Der Stolz in mir war unfassbar. Ich kann "beides" und das sogar beim ersten Versuch! Unser Glück schien perfekt. Die Geschichte dieser Schwangerschaft verlief in etwa genau so, wie Inas Story. Die Schwangerschaft selbst war absolut komplikationslos. Dann kam irgendwann eine Routineuntersuchung und plötzlich wirkte die Ärztin irgendwie... besorgt...

    Der Chefarzt kam und prüfte auch noch einmal. Große Herzkammer, Wasser im Kopf. Schlechte Überlebenschancen, Trisomie21...

    Auch wir wurden gefragt, ob wir ein uns darüber im Klaren sind, was das bedeuten kann. Waren wir nicht. Wir erhielten viele, viele Beratungsgespräche. Wir trafen uns mit betroffenen Eltern und unterhielten uns darüber, dass Trisomie-Kinder wunderbare Menschen sind. Doch der große Bruder unserer Tochter war selbst noch ein Baby. Der älteste Bruder hatte gerade eine schwierige Zeit und wir überlegten, ob wir das können. Ob wir noch die Eltern für unsere Jungs sein können. Ob wir damit klar kämen, wenn das Kind eventuell unser Leben 1-2 oder vielleicht auch 10 Jahre bereichern würde, nur um dann doch zu sterben.

    Es kam zum Spätabort. Meine Frau erhielt Tabletten, die die Wehen auslösen sollten. "Wenn ich die jetzt nehme, ist alles vorbei". 2 Stunden hielt meine Frau die Tabletten in der Hand. Dann kam die Krankenschwester und sagte: "Was?! Noch immer nicht genommen? Der Kreißsaal ist eingeplant" - ja, diese Frau war unfassbar biestig und tatsächlich mussten wir uns noch dafür rechtfertigen, dass uns diese Entscheidung nicht leicht fiel.

    Dann kam das Tabellenschlucken, es setzten später die Wehen ein. Marie wurde geboren und war tot. Ich musste meiner Frau das Versprechen geben, unsere Tochter direkt nach der Geburt in den Arm zu nehmen, damit sie nicht ohne Umarmung sterben musste. Die Ärzte waren sich zuerst auch nicht sicher, ob unsere Tochter vielleicht die Geburt überleben würde und danach erst sterben würde. Doch Marie wurde tot geboren.

    Ich habe nie in meinem Leben so sehr geweint, wie an diesem Abend. Ich habe danach auch nie wieder so geweint. Wir hielten unsere kleine Tochter im Arm und weinten gemeinsam.

    Ein paar Tage später wurde Marie im Familiengrab beerdigt.

    Ein Jahr später wurde mein jüngster Sohn geboren. Danach habe ich eine Vasektomie gemacht.

    Wir hatten die freie Entscheidung, niemand hatte uns zu einem Spätabort gezwungen. Bis auf die Episode mit der Krankenschwester, waren die Ärzte, Hebammen und Pflegerinnen allesamt verständnisvoll. Dennoch wissen wir, dass wir im Grunde den Tod unserer geliebten Tochter irgendwo gefördert haben, denn wir haben uns bewußt für die Abtreibung entschieden.

    Marie ist jetzt unser Anker. Die schlimmste Episode unserer Beziehung war die Abtreibung und seitdem wissen wir beide, dass nichts schlimmer sein kann, als den schuhkartongroßen Sarg mit dem eigenen Kind tragen zu müssen. Wir sind an dieser Geschichte gewachsen und unser Weltbild hat sich komplett gewandelt.

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    1. Danke Dir!
      Es ist so unglaublich wichtig, dass wir diese Geschichten teilen und zeigen, dass niemand mit seinem Schicksal alleine ist. Solche Entscheidungen sind niemals einfach. Ich bin froh, dass ihr an dieser Situation nicht zerbrochen seid.

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#hro2209 - Jede Stimme gegen Rechts

Demos sind für mich immer so eine Sache.  Ich habe tatsächlich ein Problem mit großen Menschenmengen. Trotzdem weiß ich, wie wichti...