Freitag, 13. Oktober 2017

Justine privat - Club 27


Es ist also wirklich passiert. 
Ich bin 27 Jahre alt geworden. Für den ein oder anderen mag das nicht nach einem großen Ereignis klingen, doch für mich ist dieser Geburtstag anders. 
Es kommt mir so vor, als hätte ich eine unsichtbare Grenze überschritten. In den schlechten alten Tagen, dachte ich mit dieser Zahl würde ich einfach alles im Leben erreicht haben. Ich hatte das Bild von mir und meinem Leben so fest vor Augen, dass ich keinen Gedanken darauf verschwendete, wie unrealistisch es ist. Die große bunte Traumblase, in der Einhörner mehr sind als Aufdrucke auf Klopapier. Ich wollte mehr als das, was ich um mich herum sah.
Immerhin hatten so viele großen Künstler den Zenit ihres Seins mit 27 erreicht. Jimi Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain - sie starben an ihren Höhepunkt. 
Und ich wollte das auch. 
Den Höhepunkt, nicht das sterben. 
Obwohl das sicherlich Teil meiner romantisch verklärten Vorstellung von diesem Alter war. Jetzt sitze ich hier, mit meinem Bio-Kräuter-Tee und bin nicht einmal im Ansatz da, wo ich sein wollte. Ich könnte jetzt eine ganze Reihe von Entschuldigungen und Rechtfertigungen vor mir selbst niederschreiben: schwierige Familie, toxisches Umfeld, Depressionen - das übliche Blabla. Die einfache Wahrheit ist: Ich hab´s verkackt. 
Nicht alles und nicht völlig.
Doch Fehler gehören eben dazu. Ich bin sicher, wenn Kurt noch länger am Leben geblieben wäre, hätte er auch den einen oder anderen Fehler aufgezählt. Sicherlich nicht zuletzt die Liebe zu den Drogen. 


Meine eigenen Fehler haben allerdings nichts mit der Junkie-Romantik zu tun. Eine ganze Reihe konnte ich wieder ausbügeln, andere setzen mir noch immer zu. Meine mangelnde Schulbildung aufzuholen war einer der letzten großen Erfolge, auch wenn es sich für mich noch immer nicht so anfühlt: Immerhin habe ich jetzt mein Abi in der Tasche. Allerdings bin ich trotzdem nicht in der Stimmung, um Luftschlangen durch die Gegend zu pusten und mit Konfetti zu werfen. Im Gegenteil.
Am liebsten würde ich mich zusammen mit meiner Hundedame auf mein Sofa rollen, weiter meinen Tee trinken und einfach vergessen, dass ich nicht da bin, wo ich sein will. Allerdings bin ich zu klug, um mich auf diese Art selbst zu belügen. Mir ist klar, dass ich nichts erreiche, in dem ich rumsitze und warte. Dazu bin ich im Allgemeinen nicht der Typ. #Problemlösungsjunkie 
Vielleicht ist das sogar etwas Gutes. Ich habe immerhin nicht das Gefühl, schon auf dem Höhepunkt meines kreativen Schaffens zu sein. Ich bin noch nicht ausgebrannt. Das ganze Gegenteil ist der Fall, ich brenne darauf, endlich weiter zu machen. Ich will zwei Stufen auf einmal nehmen und stolpere dabei über meine eigenen Füße. Noch etwas an dem ich arbeiten muss.
Ich werde mich dem Club 27 wohl nicht mehr anschließen, weder was den Höhepunkt des Erfolges angeht - noch den heftigen Missbrauch von Drogen, der mich zu meinem eigenen Ende führt. 
27. 
Scheiße, es fühlt sich dennoch seltsam an.


Kommentare:

  1. Das ist ein wahnsinnig toll geschriebener Artikel, liebe Ju. Und vieles spiegelt auch meine derzeitige Situation wieder - und ich bin 5 Jahre älter. So lange man nicht tot ist, kann man JEDERZEIT noch einmal von vorn anfangen, sich umorientieren oder sonst irgendwie die fühler ausstrecken. es gibt glaube ich einfach Menschen, die nie einen richtigen Höhepunkt erleben, weil sie einfach dafür die Veränderung und das weiterkommen zu sehr lieben. <3

    Ich drück dich!
    Nina

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  2. Hallo!:)
    Erstmal alles Gute nachträglich zum Geburtstag :)
    Vor allem der letzte Absatz gefällt mir. Sieh es positiv: du hast noch so viel vor dir und dein ganz eigener Höhepunkt im Leben kommt erst noch. :D
    Du wirst das schon schaffen! :D

    Liebe Grüße

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    1. Lieben Dank Jacky!
      Ich denke auch dieser Druck den man sich macht ist falsch, aber natürlich kommen wir alle nicht ganz davon los.
      Die nächsten Höhepunkte werden mit Sicherheit auch großartig!

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  3. viel glück, liebe justine :-)
    ... und ja, weitere geburtstage / -jahre können auch ganz schön sein :o)

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  4. Huhu, bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen.. ich kann dir sagen.. diese Krisen zu Geburtstagen gehen immer weiter, wenn du sie nicht selbst stoppst.. ich habe beschlossen, damti aufzuhören, als ich 30 wurde. Heute bin ich 45 Jahre. Warum konnte ich dmait aufhören? Weil mein gesamtes gleichaltirges Umfeld Krisen bekam zu den Geburtstagen .Das kann nicht der SInn unseres Lebens sein, dass wir uns dauernd zu alt zu erfolglos etc. fühlen.. Wie will man sich mit 60 fühlen, wenn man sich ab 25 verrückt macht. Ja, wir haben alle in der Jugend Träume, denken wir kommen groß raus. Bei den meisten bleibt alles mittelmäßig bis spießig. Das muss aber nicht so sein. Man kann auch mit fortgeschrittenem Alter noch große Erfolge haben, die Leute überraschen.
    In jedam Fall müssen wir aufhören, alles so an "Alters"zahlen festzumachen.

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    1. Das stimmt natürlich - aber gerade auf dem zweiten Bildungsweg finde ich es oft schwer, neben so jungen Menschen zu sitzen. Es fühlt sich doch oft an, als hätte ich versagt.

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