Montag, 30. Oktober 2017

Happy Hallooween - The black book

Bild von: http://schnappschu.blogspot.de/

Das schwarze Buch


Da sitzt sie und starrt mich an.
Obwohl sitzen ist eigentlich das falsche Wort, denn Spinnen sitzen ja nicht im klassischen Sinne. Ein kalter Schauder durchfährt mich und ich muss mich zwingen, wegzusehen. Ich hasse Spinnen. Wie sie mit ihren haarigen Beinen über die Tapete gleiten, lautlos und klebrig ihre Netze verteilen und mich in den unpassendsten Momenten zum Ausrasten bringen.
Ich stehe seit mindestens fünf Minuten ohne Regung da und starre sie an, als hoffte ich darauf, dass ich sie alleine durch meinen panischen Blick getötet bekomme. Doch sie scheint nicht einmal zu wissen, dass ich da bin. Meinem Kopf ist durchaus bewusst, dass sie mir nichts Ernstes tun kann – nur leider schaffe ich es trotzdem kaum mich zu bewegen. Ich habe Angst, dass sie mir direkt ins Gesicht springt, sich den Weg durch meine Nasennebenhöhlen sucht und Eier legt, aus denen tausende dieser widerwärtigen Kreaturen schlüpfen.
Mit Logik hat diese Angst nicht zu tun.
Ich fluche lauthals, als das kleine Mistding sich bewegt. Im Normalfall würde ich schreiend zu meinem Freund rennen, doch das ist heute nicht möglich. Ich muss es alleine schaffen.
Mit zittrigen Fingern ziehe ich mir einen Schuh aus. Ich weiß nicht, wann genau es anfing, dass ich solche Panikattacken von Spinnen bekam. Mein Psychologe würde es sicherlich auf meine verkorkste Kindheit schieben. Ich versuche einen Schritt näher an das Ding heran zu kommen und sofort schießen mir Tränen der Panik in die Augen.
Ich muss nur einmal gezielt treffen, dann bin ich sie los. Mein Körper verkrampft sich schmerzhaft, und es kostet meine gesamte Überwindung, den Schuh, so schnell es geht, auf den Körper der Spinne zu drücken. Das Geräusch lässt mich würgen und ich taumle zurück, als hätte mich jemand gestoßen. Die Beine zucken noch an der Wand und mein Ekel wächst so sehr, dass ich mich auf meinem Wohnzimmerboden erbreche.
„Ich hasse Spinnen“, sage ich zu mir selbst und wische mir über den Mund. Das Monster ist tot und mein Herzschlag normalisiert sich wieder. Das muss er auch, denn die Zeit ist knapp. Ich atme ein paar Mal tief ein und aus, bevor ich mich wieder aufraffe. Etwas Stolz kommt in mir auf, denn immerhin habe ich es dieses Mal ganz alleine geschafft. Mein Psychologe wäre sicher begeistert. Den Schuh lasse ich dennoch liegen – noch bin ich nicht bereit, den zerquetschten Spinnenkörper von der Sohle abzukratzen.
Stattdessen ziehe ich auch den anderen Schuh aus und gehe in den Keller. Die Panik ist der Freude gewichen, denn nun wird mein Tag endlich spaßig. Während der Renovierungsarbeiten an diesem Haus kam ich unweigerlich auch mit den vollgepackten Kisten meines Freundes in Berührung. In einer von ihnen fand ich ein Buch, das mein Interesse erregte. Offenbar reiche ich ihm als Frau bei weitem nicht aus, denn er hat jeden seiner Seitensprünge liebevoll dokumentiert. Mit Bild, Beschreibung und ab und an sogar mit kleinen Details wie Rechnungen, Zimmerkarten oder Taschentücher mit Lippenstiftabdruck. Er hatte schon immer sehr viel Feingefühl.
Ich schalte das Licht an und setze mich auf den alten Ledersessel. „Wach auf Mikey, ich will endlich anfangen zu spielen …“, sage ich und trete mit dem Fuß nach der großen Metallbox. Ich höre ein Geräusch und muss mir das Grinsen verkneifen.
Von einer Sekunde auf die andere fängt er an zu schreien.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er panisch den kleinen Raum abtastet, in dem er liegt. Mein Herz fängt wieder an, schneller zu schlagen, doch dieses Mal hat es nichts mit Angst zu tun.
„Lyn, bist du da???“, schreit er panisch, und ich muss mir das Lachen verkneifen. Das letzte Mal hatte ich diese Stimmfrequenz gehört, als er dachte ich sei schwanger.
„Ich bin hier, Baby“, antworte ich sanft und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Seine Stimme klingt etwas fahl, ich vermute, das liegt an den Schmerzmitteln die ich ihm eingeflößt habe.
„Was … was ist das hier, wie bin ich …“
„Du bist da drin, weil du ein böser Junge warst …“, sage ich laut genug, damit er mich hören kann. Ich habe seine Hände vor seiner Brust zusammengebunden. Ich bin mir sicher, dass er die Kiste nicht alleine aufbekommt, aber er soll hören, was ich zu sagen habe.
Er scheint nachzudenken. Zumindest ist er still, ich kann nur seinen Atem hören.
„Was, was meinst du …“
„Ich meine, dass du dich vergnügt hast, zum Beispiel mit Madlen, Katy oder …“, ich greife nach dem kleinen schwarzen Buch und blättere ein paar Seiten, „Hildi, Maria oder Choa?“
Er wird wieder still, und mein Grinsen wird größer. Er hat Angst. Das ist gut, er soll Angst haben. Es ist nichts falsch daran. Angst ist eine Warnung.
„Lyn, was redest du da ???“
„Ich habe dein Buch gefunden, Baby …“
Er stöhnt auf, als hätte ich ihn geschlagen.
„Du musst es nicht leugnen, die Beweise sind alle hier.“
„Baby, ich … ich hab einen Fehler gemacht …“
„Ich fürchte es war etwas mehr, als nur ein Fehler …”
Während er seine Kraft damit verschwendet, zu betteln und zu flehen und sich gefühlte Millionen Mal zu entschuldigen, stehe ich auf und schalte den Zementmischer an. Das kleine Ding wirkt unscheinbar, hat es aber in sich und ist laut genug, damit ich Mikey nicht mehr hören muss. Ich habe es satt. All die Lügen und falschen Entschuldigungen. Die letzten Monate hatte ich jedes Mal, wenn er das Haus verlassen hat, Angst, er würde mir fremdgehen – und ich hatte recht.
Jetzt wird es Zeit, dass ich seine Ängste wahr werden lasse.
Ich schalte den Mischer wieder ab und öffne die Kiste. Es ist lachhaft, wie er da liegt, verheult und ganz rot im Gesicht. Die Haare stehen zu allen Seiten ab. Er sieht mich an, als wäre ich ein Monster. Jetzt weiß ich, wie sich die Spinne gefühlt hat.
„Hör auf, es ist vorbei. Ich will all diese Dinge nicht mehr hören.“
Meine Stimme ist erstaunlich gelassen, seine dafür umso schriller.
„Lass mich hier raus, Baby. Bitte, wir können doch über alles reden, ich …“
Ich höre ihn nicht, sondern lasse den Inhalt des Mischers in die Metallkiste fließen. Er schreit sofort wie am Spieß und versucht aufzustehen. Das gelingt ihm jedoch nicht, dank der Nägel, die ich ihm in die Wirbelsäule geschlagen habe. Als ihm das bewusst wird, schreit er noch lauter. Die Schmerzmittel haben bisher gute Wirkung gezeigt, wenn ihm vorher nicht bewusst war, dass er sich kaum bewegen kann. Der Zement fließt weiter in die Kiste, und er versucht verzweifelt, sein Gesicht von dem grauen Zeug frei zu halten. Ich fange an zu lachen, als er anfängt, wie ein kleines Kind zu heulen.
„Warum tust du das?“
Ich beuge mich lächelnd zu ihm und streiche ihm die klebrigen Haare aus dem Gesicht. „Du hast mir mal erzählt, dass du panische Angst hast, als ein Zementblog zu enden …“, erkläre ich liebevoll. „Nun lass ich diesen Albtraum für dich wahr werden, so wie du meinen wahr gemacht hast …“
Er schreit wieder, es ist schrecklich ermüdend – und ich werde noch mindestens dreimal Zement ansetzen müssen, bevor die Kiste voll ist.

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