Mittwoch, 13. September 2017

Meckermittwoch: Der Mindestlohn und der Verkauf deiner Seele

Bild von: http://maryjuanablog.blogspot.de/

Arbeit ist das halbe Leben - dass ist keine einfache Phrase oder neunmalkluger FB-Post zum teilen, sondern ein schlichter Fakt. 

Ich arbeite gerne, auch gern viel. Lange habe ich es nicht einmal neben dem Abi ohne einen Nebenjob ausgehalten. Die Zeiten in denen ich "nur" einen Job habe, beschränken sich auf wenige Monate in meinem Leben. 
Produktiv zu sein gehört zu meinem Leben, still sitzen ist mir zu langweilig. Dennoch, mehr als einmal in meinem Leben saß ich vor einem staubigen PC, trank meinen Kaffee und fragte mich selbst: Ist es das wert?
Die vielen Stunden meines Lebens, die ich mit einem Job verbringe und verbracht habe, den ich wenig bis gar nicht mag, bekomme ich nicht wieder. Es gibt keine Payback Punkte, die ich irgendwann einlösen kann. Die Zeit ist weg. Verschwunden. Ausgelöscht. 
Klingt ziemlich deprimierend und genau das, ist es auch. 

Der Mindestlohn wurde auf 8,84 Euro angehoben. Wow. Herzlichen Glückwunsch.

Immer wieder verfolge ich die Diskussion über den Mindestlohn. Ich hatte schon immer Nebenjobs, schon vor der Mindestlohngrenze. Teilweise habe ich für gerade einmal 4,50 Euro gearbeitet. Soviel war mir damals also meine Zeit wert. Dafür bekommt man heute nicht einmal mehr einen großen Eisbecher mit veganer Sahne.
Inzwischen wurde der Mindestlohn in Deutschland auf 8,84 Euro angehoben, ein kleiner Fortschritt und dennoch ein lächerlicher Preis für meine Arbeitskraft und die Lebenszeit, die ich dabei verkaufe. Würde jemand zu mir kommen, und mich fragen ob ich einen Tag meines restlichen Lebens für 212,16 Euro verkaufen käme mir der Preis ziemlich gering vor. Wer kann schon sagen, ob ich nicht vielleicht den vorletzten Tag so eben für einen Spottpreis verschachert habe? 
Natürlich haben wir Glück im Unglück - in anderen Teilen der Welt sieht die Lage wesentlich schlimmer aus. Doch ist es wirklich fair, nur weil es woanders unfairer ist?

Kein Weg aus der Mindestlohnfalle.

Viele, viele, zu viele Jahre meines Lebens habe ich mich mit dem mindesten an Einkommen zufriedengegeben. Gerade bei Nebenjobs ist es schwer einen Arbeitgeber zu finden, der bereit ist mehr zu zahlen. Es gibt zahlreiche andere Menschen, die für weniger zu arbeiten, nur damit sie überhaupt etwas mehr Geld in den bodenlosen Taschen haben. 
Darum ist es unter Schülern und Studenten so beliebt zu kellnern, der Mindestlohn wird zumindest durch das Trinkgeld etwas angehoben. An einem guten Tag kann man sich so 10 bis 40 Euro die Stunde dazu verdienen, je nachdem wo und wie man arbeitet. Doch auch Trinkgeld ist hinterhältig: Man kann sich nie darauf verlassen, ähnlich wie auf Provision.
Mal bleiben die Kunden aus von denen man abhängig sind, mal sind es Arschlöcher, denen man nicht in den Hintern kriechen will. Vielleicht hat man auch mal einen schlechten Tag oder schlicht das Pech, dass die Kundschaft genauso pleite ist wie man selbst. 


In unserer Welt dreht sich alles um Geld! 

Die bunten Scheine sind ein notwendiges Übel in unserer Gesellschaft, wenn man nicht nur existieren, sondern auch mal leben will. Bedenkt man, dass man in der Pizzeria um die Ecke für Essen und Getränke locker 10 -15 Euro zahlt, also fast zwei Stunden dafür arbeiten muss, wird einem schon komisch.
Menschenwürdige Arbeit soll dafür sorgen, von der eigenen Hände Arbeit leben zu können. Für viel mehr reicht der Mindestlohn ohne Überstunden und Aufstockungen auch nicht aus: Überleben. 
Dabei gibt es natürlich immer noch Branchen, die vom Mindestlohn ausgenommen sind. Von schwarzer Arbeit, die teilweise noch immer für unter 5 Euro die Stunde praktiziert wird, mal ganz zu schweigen. Jeder tut das, was er tun muss, um zu Überleben. 
Ich selbst bin da keine Ausnahme.
Aktuell kann ich nicht studieren, weil der Umzug zu teuer ist. Also gehe ich arbeiten und lege soviel es geht auf die Seite. Wirklich viel ist das nicht. 

Wir sind alle Huren und es macht uns nicht mal Spaß... 

Wir alle verkaufen uns. Verkaufen Zeit unsere Lebens, unsere Arbeitskraft, je nach Job sogar unsere Moral, Prinzipien oder Persönlichkeit. Wir passen uns an. Versuchen uns über Wasser zu halten, betteln um Gehaltserhöhungen und kriechen unseren Chefs so tief in den Arsch, dass wir auch gleich noch die Darmkrebsvorsorge machen könnten - und dass alles für Jobs, die wir nicht einmal mögen. Dass alles für Zahlen die nur auf unserem Bankkonto real werden. 
Ich habe noch nie verstanden, wie Menschen sich über Prostitution aufregen können: Wir sind alle Prostituierte. Nur dass es bei den modernen Huren weniges ehrlich zu geht: Du zahlst, bekommst dafür Sex und hast die Gewissheit, dass Dir jemand nur dass vorgespielt hat, was Du hören wolltest.
In einem Büro läuft die Sache anders, auch hier sind alle auf den Knien, rutschen herum und zeigen ihre Vorzüge - doch sie verkaufen sich nicht nur weit unter wert, sondern geben nicht einmal öffentlich zu, dass sie dafür extra einen Schauspielkurs besucht haben. 
Für den Preis von 8,84 Euro, wurde wohl keine gestandenen Professionelle auch nur den BH öffnen, wir aber setzten uns bereitwillig breitbeinig ins Büro und verkaufen unsere Würde. 
Ich für meinen Teil habe das Ganze ziemlich satt. Wenn ich mich schon verkaufen muss, dann wenigstens für etwas das sich lohnt und vielleicht noch Spaß macht.
Ich bin nicht faul, nicht dumm und nicht bereit mich Prinzipien zu unterwerfen, die ich nicht teile. Das hat mir schon oft ziemlich in den Arsch gefickt, um es hart auszudrücken. Ich bin Dauerpleite, rutsche von einem Job zum nächsten und hasse sie alle - und mich noch mehr dafür. 
Dennoch komme ich so ganz nicht davon los, denn ich liebe auch meine Wohnung, meinen Hund und vegan Sahne. Das alles muss davon finanziert werden, dass ich anderen in den Arsch krieche, Arbeit mache, die ich hasse und davon träume, es irgendwann aus diesem Kreislauf heraus zu schaffen. Ob mir das gelingt, werden wir sehen.

Das Abi und Studium als Ausweg? 

Ich habe das Abitur nachgeholt, weil ich mir erhoffe, nach dem Studium einen Job zu machen, der mich nicht ganz so dazu bringt, mir eine Waffe an den Schädel halten zu wollen (metaphorisch gesprochen). Trotzdem ist es ein Kampf gegen Windmühlen. Das Künstlerdasein ist hart, jede Arbeit, die etwas mit sozialen Engagement zu tun hat, ist unterbezahlt und alles, was damit zu tun hat, ordentlich Geld zu scheffeln, bedeutet im Umkehrschluss jemanden auszubeuten. Auf die ein oder andere Art. 
Die Wahl ist also immer die gleiche: Die oder Ich. Wir oder die. Auf den Knien rutschen oder es hinnehmen. Zugegeben ziemlich düstere Gedanken, aber dennoch versehen mit etwas Glitzerstaub aus meinen Träumen.

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