Freitag, 29. September 2017

Justine privat - Morgenroutine

Mutlosigkeit ist nur die Verzweiflung der beleidigten Eigenliebe.
François Fénelon

Ich drehe das heiße Wasser auf und beiße die Zähne zusammen, während der Strahl die nackte Haut meines Rückens trifft. Meine Muskeln scheinen sich stöhnend über die Hitze zu beschweren, obwohl es zeitgleich eine Wohltat ist. Ich drehe die Hitze wieder etwas herunter, damit ich nicht länger das Gefühl habe meine Haut würde Blasen schlagen, und schließe kurz die Augen unter dem Wasserstrahl. Es ist 06:35 Uhr am Morgen, die letzte Woche und das lange Wochenende stecken mir noch in den Knochen. Bisher konnte ich den Blick in den Spiegel gekonnt verhindern, doch ich ahne bereits das heute keiner der Tage sein wird an denen mir gesagt wird, ich würde gut aussehen. Viel mehr scheint es einer dieser Tage zu werden, an denen ich gefragt werde ob es mir gut geht oder ob ich wenig geschlafen hätte. 

Ich öffne meine Augen wieder und verdränge den Gedanke an die Menschen die außerhalb der Badtür auf mich warten. Soziale Kontakte sind etwas sehr schönes, doch verlangen sie mir gerade in den Morgenstunden einiges ab. Nein, ich bin wirklich kein Frühaufsteher. 
Ich betrachte wie das Wasser in kleinen Bächen über meine Haut rinnt und sich an meinen Füßen sammelt. Leider komme ich dabei nicht drum rum zu bemerken, dass ich meinen Nagellack an den Zehen dringend erneuern muss. 
Jeder kennt die Momente in denen man am liebsten heulend unter der Dusche zusammenbrechen möchte.  Was in einem Film so herrlich melodramatisch wirkt, ist im wahren Leben noch wesentlich ausdrucksstärker. In der Wirklichkeit gibt es keine Zuschauer dieses Spektakels. Die Tränen der verdorbenen Träume und der verlorenen Schlachten laufen unbeobachtet in den Ausguss und sammeln sich genauso in der Kanalisation wie die übrigen Fäkalien und die Reste der Maske die wir jeden Tag aufsetzen.
Unter dem Rauschen des Wassers bleibt auch jedes Schluchzen und jedes wütende aufheulen ungehört.

Man ist mit sich und seinem Versagen ganz alleine. 
Ich breche heute nicht zusammen. Auch wenn meine schmerzenden Muskeln und mein hämmernder Kopf es gern so hätten. Stattdessen erweitere ich meine To-Do-Liste. Inzwischen habe ich es aufgegeben darauf zu achten wieviel Zeit ich darin investiere mich selbst als „okay“ zu empfinden. 
Fast jeden morgen stehe ich unter der Dusche, dann kommen die Haare, dass Make-up, die Klamotten und am Ende des Morgens bleibt mir gerade noch genug Zeit um meinen Kaffee halb zu trinken und meine E-Mails zu checken. 
Die Einsicht das ich mehr Zeit für wichtigere Dinge hätte, wenn ich mich weniger um Äußerlichkeiten kümmern würde ist nichts neues für mich. Doch während ich dastehe und warte bis das heiße Wasser auch mein Bewusstsein erreicht, erscheint es mir noch sinnloser als an den anderen Tagen. 
Egal wie viel wert ich darauf lege, während des Tages einem Bild zu entsprechen das sich in meinem Kopf festgesetzt hat, ich lande trotzdem jeden morgen wieder genau hier. Dabei ist es herzlich egal, ob ich am Tag davor viel oder wenig Make-up getragen habe, denn die Reste landen hier ohnehin wieder im Ausguss. 
Der beschlagene Spiegel gibt mir noch eine Gnadenfrist. Ich muss mir mein müdes Gesicht erst später ansehen und versuchen, dass nötigste zu retten.
Sind Augenringe wirklich so ein Zeichen der Schwäche in unserer Gesellschaft? 
Ich schaue mir selbst in die Augen, schüttle den Kopf und nehme mir vor mir solche Fragen nicht zu stellen, denn die Antwort würde mir sicher nicht gefallen. Ich greife nach meinem Pulli und entscheide mich dafür, dass es egal ist ob ich aussehe als könnte ich Bäume ausreißen. In dem schlabberigen Pulli und dem kurzen Rock fühle ich mich immerhin wohl und darauf sollte es doch mehr ankommen. Mit dem dampfenden Kaffee in der Hand stehe ich dennoch wieder vor einem Spiegel, dieses Mal allerdings nicht im Bad sondern im Flur. 
Mir wird klar, dass ich dieses Bild erst in 14 Stunden wiedersehen werde. Nicht gerade gut für meine Motivation. Immerhin naht das Wochenende. Cosma gibt ein lautes Schnarchen von sich und seufze leise. Mein Leben ist nun einmal gerade so. Veränderungen kommen selten über Nacht. 
Ich stürme mit vornehmer Verspätung und einem halbgetrunkenen Kaffee aus der Wohnungstür. Ein neuer Arbeitstag wartet. "Irgendwann wird es besser", sage ich mir selbst, kann es aber nicht wirklich glauben …

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