Freitag, 15. September 2017

Justine privat - Der After Abi Blues

Die Bestimmung unseres Lebens ist nicht der Erfolg, sondern heroisches Versagen.
Robert Louis Balfour Stevenson

Ich befinde mich im Vakuum. 
Alle Prüfungen sind geschrieben, die Ergebnisse verkündet und ich habe immer noch nicht realisiert, dass es tatsächlich zu Ende geht. Die mündliche Prüfung ist die letzte Hürde gewesen. Danach startet ein neues Leben, auf das ich so lange hingearbeitet habe. Endlich habe ich den Schein, auf dem steht das ich klug genug bin um auf eine Uni zu gehen. 
Doch irgendwie weigert mein Gehirn sich das zu verstehen. In den letzten 3 Jahren wollte ich nichts anderes.
Endlich mein Abi in der Tasche habe und studieren gehen. Endlich wieder raus aus meiner Heimatstadt und dem immer gleichen Kreislauf.
Endlich ein richtiger Neuanfang. 
All die Tränen, der Schweiß, die Angst – sie sollten doch jetzt vorbei sein. Aber das sind sie nicht. Im Gegenteil, ich kann mich weder freuen noch spüre ich eine wirkliche Erleichterung. 
Meine Prüfungsnoten waren gelinde gesagt beschämend, die verfluchte Prüfungspanik hat mich gelähmt. Mein Schnitt ist also nicht einmal im Ansatz so, wie ich es von mir selbst verlangt habe (2,3). 
Es fühlt sich nicht nach einem Sieg an, sondern nach Versagen. „Denk daran was du alles nebenher machen musstest“, erinnert mich mein Freund gerne. Natürlich kann ich das nicht leugnen, ich arbeite soviel es geht, um die Tierarztkosten der letzten Monate zu decken und irgendwie auch das normale Leben zu organisieren.
Aber auch das klappt nicht. Ich stecke fest. Wieder einmal. Im Treibsand des Lebens. Mir fehlt die Zeit mich zu beglückwünschen oder zu bedauern, stattdessen geht es einfach immer weiter. Aufstehen, Arbeiten, Organisieren, hin und her. Ich finde kaum die Kraft mich darum zu kümmern, was danach geschieht. 
Ich habe das Zeugnis in der Hand. Die Bewerbungen sind geschrieben – all meine Wünsche erscheinen mit utopisch. Ich erscheine mir zu schlecht, für das bessere Leben nach dem ich mich gesehnt habe. Immer wieder drehe ich mich, um mich selbst, in der Hoffnung einen Weg zu finden, doch alles verschwimmt nur weiter.
„Nimm dir doch ein Jahr Zeit um alles zu überdenken“, wurde mir geraten. Doch auch da erscheint eine Blockade in meinem Kopf. Ich höre meine biologische Uhr ticken. Nicht weil ich eine Familie Gründen will, sondern weil mir bewusst ist das ich nicht noch einmal so jung sein werde. Irgendwann wird es zu spät sein um zu studieren, zu reisen, mich auszutoben und am Leben zu überfressen. 
Ich will nicht zurück schauen und wissen, dass ich früher hätte reagieren müssen. Meine Angst blockiert mich. Das weiß ich, aber ich weiß nicht wie ich es ändern soll. Hinter jeder Ecke scheint ein neuer Fehler, ein neuer Irrtum und ein neues Scheitern zu lauern. Also versinke ich weiter in meiner Routine, arbeite, bis ich umfalle und versuche zu verdrängen was ich längst weiß: Die Schule ist vorbei.
Zum dritten Mal in meinem Leben und auch zum letzten Mal. Wohin es gehen wird, was ich machen werde und ob mich das wirklich an mein Ziel bringt weiß ich noch nicht. Vielleicht werde ich es nach meinem letzten Sommer in der Heimat wissen. Vielleicht auch nicht. Im Moment ist meine Hoffnung, dass der enorme Druck in meinem Kopf aufhört, wenn endlich die letzten Antworten der Unis bei mir eingetroffen sind. 
Ob dann der Knoten platzt, der mich dazu bringt, nichts mehr spüren zu wollen? Wir werden es sehen. Und Ihr werdet es lesen.

Kommentare:

  1. Hey,

    ich kenne das Gefühl. Als ich damals meinen Realschulabschluss nachgeholt habe war es bei mir genau so. Zurzeit mache ich auch mein Abitur nach und davor habe ich auch Angst. Denk auf jeden Fall daran immer genug zu essen, früh ins Bett zu gehen, Tagebuch schreiben und die Gedanken los zu werden. Das Los zu Lassen braucht seine Zeit. Tue dir gutes mit baden gehen und Sport. Hoffe du schaffst das.

    LG Lina

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    1. Danke meine Liebe :*
      Jetzt kommt das Schlimmste: Ich habe keine Badewanne :(
      Nein, Spaß bei Seite. Aktuell ist es für mich schlimm darauf zu warten wie es nun weiter geht. Bisher kam fast nur die Ansage das ich auf Wartelisten stehe - das drückt mich etwas nieder.
      Ich finde es SUPER das du deine Realschule nachgemacht hast und jetzt auch noch das Abi! In welchem Jahr bist Du jetzt?

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  2. Ich denke, dass jeder deine Situation schon einmal irgendwie erlebt hat. Ich habe vor zwei Jahren mein Studium abgeschlossen und hatte danach einen ähnlichen Blues. Ich glaube, wir setzen uns alle ganz schön selbst unter Druck, obwohl das gar nicht nötig ist. Zum Thema biologische Uhr kann ich nur sagen: Das Gegenteil ist der Fall! Du kannst auch später noch ohne Probleme studieren, aber wenn du einmal in diesem Sumpf aus Studium, Praktika und Jobs steckst, zieht das Leben nur so an dir vorbei. Dir eine Auszeit zu nehmen und das Leben (oder die Welt) zu entdecken wäre da sicher die bessere Lösung. Außerdem kannst du so Wartesemester sammeln und damit letztlich nicht nur die Chancen auf einen Studienplatz erhöhen, sondern auch dein erworbenes Know-how im Studium viel besser einsetzen. Falls es also nicht klappt mit dem Studienplatz, solltest du dich nicht unterkriegen lassen. Zuletzt sei noch gesagt, dass ein Studium noch lange keine Garantie für einen guten Job oder ein glückliches Leben ist. Viel wichtiger ist es für dich herauszufinden, was du wirklich willst und was dich glücklich macht. Der Rest ergibt sich meistens von ganz allein. Also Kopf hoch und nur Mut! :)

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    1. Danke meine Liebe :)
      Ich glaube durch das verspätete Abi machen habe ich einfach Angst, nie soweit zu kommen. Aber natürlich hast Du Recht. Rumheulen bringt nichts und in ein paar Jahren werde ich wahrscheinlich über den After Study Blues schreiben :D

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